Schreibbüro zum blauen Federkiel

Pflanzen in der Literatur – Teil 3: Die blaue Blume


Die blaue Blume ist ein wohlbekanntes Symbol der Romantik, das Sehnsucht, Liebe, Fantasie und das Verlangen nach dem Unerreichbaren verkörpert. Sie ist außerdem Sinnbild für die Wanderschaft, Selbsterkenntnis und das Streben nach der Ferne. In der romantischen Lyrik wurde es den Poeten durch sie erstmals möglich, die Realität mit einer Traumwelt der eigenen Fantasie und gleichzeitig sich selbst mit der Natur zu verbinden. Auch heute noch haben blaue Blüten in der Blumensprache eine ganz besondere Bedeutung und stehen für Treue, Freiheit und Tiefgründigkeit. Doch wie entstand das Blumensymbol der Romantik überhaupt? Wir sind der Frage auf den Grund gegangen.
 



"Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine [...] lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die Blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit [...]"

(Novalis)


Die blaue Blume in der Romantik

Das Symbol der blauen Blume wird zum ersten Mal 1800 in dem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen erwähnt, das von dem frühromantischen Schriftsteller Novalis verfasst wurde. Dort erscheint dem Protagonisten Heinrich während der Johannisnacht in einem Traum eine blaue Wunderblume, die in ihm ein tiefes Sehnsuchtsgefühl und ein Streben nach Ferne und Erkenntnis auslöst. Auf der Suche nach der Wunderblume durchschreitet Heinrich anschließend sein Leben und erfährt dabei eigene Reifung und Liebe. Inspiriert wurde Novalis bei seinem Roman vom Gemälde eines befreundeten Malers. Im Detail handelte es sich um das Bild Die blaue Blume von Friedrich Schwedenstein.

Der Morgen | Philipp Otto Runge
 
Die blaue Blume fand anschließend noch in zahlreichen weiteren Werken der Poesie, Malerei und Musik als Symbol der Sehnsucht Verwendung. So schrieb Joseph Freiherr von Eichendorff in einem Gedicht von seiner ewig währenden Suche nach der blauen Wunderblume. Heinrich Zschokke verwendete die blaue Blume als Sehnsuchtssymbol in seiner Novelle Der Freihof von Aarau. In der Malerei taucht die blaue Blume während der Romantik ebenfalls mehrfach als Symbol oder Titel von Gemälden auf, so unter anderem bei Philipp Otto Runge in seinem Werk Der Morgen, das den Kelch einer blauen Blume am Nachthimmel zeigt. Selbst vor muskialischen Kompositionen machte das royale Blümchen nicht halt. Bester Beleg ist hier Franz Schuberts Vertonung von Wilhelm Müllers Die schöne Müllerin.



Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au'n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

(Joseph von Eichendorff, Die blaue Blume, 1818)



Warum die Farbe Blau?

Die Farbe Blau findet sich in der Natur vor allem im Himmel und in Gewässern wieder, die durch ihre Weite eine machtvolle Unendlichkeit spürbar machen. Blau ist außerdem die Farbe des Geistes, der Ferne und verkörpert eine natürliche Sehnsucht, die den Menschen in fantasievolle Gefilde zieht. Bereits Goethe hielt hierzu in seiner Farblehre fest:

„[…] so sehen wir das Blaue gern an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht.“

(Goethe, Werke, Bd.13, 498)

In der Natur treten Blüten vor allem in einem Farbspektrum von Weiß bis Rot auf. Blaue Blüten sind hingegen deutlich seltener anzutreffen. Die blaue Blume ist somit allein aufgrund ihrer Farbe eine Besonderheit, die nicht leicht gefunden werden kann. Durch ihren pflanzlichen Körper wird die Farbe Blau mit dem Irdischen verbunden, da die Blume ihre Kraft aus ihren im Erdreich gelegenen Wurzeln schöpft. Damit ergibt sich in der blauen Blume eine Verbindung von irdischem Streben (Blume) und geistiger, himmlischer Erkenntnis (Farbe Blau).

selten und mysteriös, die blaue Kornblume | by Imaginary Lights
 
Vor allem in den lyrischen Werken der Romantik - insbesondere in den Naturgedichten - wird deutlich, dass hiesige Poeten die blaue Blume seinerzeit als ein Symbol für eine ganzheitliche Verbindung zwischen Natur und Mensch verstanden. Der Mensch als fühlendes und liebendes Wesen ist auf der Suche nach Ferne und Unendlichkeit in der Natur, getrieben durch eine Sehnsucht nach Erkenntnis. Die Erkenntnis der Natur erfolgt dabei durch die Erkenntnis seiner selbst und durch das Erfahren von Liebe.


Die blaue Blume in der Wandervogelbewegung

Die Ideale der Romantik, die sich in der blauen Blume bündelten, wurden 1892 in Steglitz erneut von einer Studentenbewegung aufgegriffen, dem Wandervogel. Dabei stand die Blume für eine Überzeugung, die sich gegen die fortschreitende Industrialisierung und Verdrängung der Natur wandte und somit Kritik am zunehmend materiell geprägten Lebenstil äußerte. Stattdessen vertrat die Wandervogelbewegung das Ideal einer besonders naturverbundenen Lebensweise. Die blaue Blume wurde von ihr als Gleichnis der Wanderschaft sowie die Suche nach Glück gebraucht. In einem Lied der Wandervogelbewegung heißt es diesbezüglich:

„Wenn hell die goldne Sonne lacht, muss in die Welt ich ziehn, denn irgendwo muss voller Pracht die blaue Blume blühn“.
Der Wandervogelgreif
 
Die Wandervogelbewegung befand sich, ebenso wie die Romantiker, auf der Suche nach einem erkenntnisstiftenden Verbundenheitsgefühl mit der Natur. Das Wandermotiv entsprach dabei der ewig währenden Suche des Menschen nach sich selbst. Von Steglitz ausgehend fand die Bewegung innerhalb weniger Jahre auch Verbreitung ins Ausland, wo sich ihr zahlreiche Jugendliche mit dem Wunsch nach einem naturnahen Leben anschlossen. 

Unter der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten wurde die Bewegung in Deutschland schließlich aufgelöst und die Mitglieder in die Hitlerjugend zwangsüberführt. Dennoch konnten sich zahlreiche Erinnerungsfragmente dieser Bewegung erhalten, die in dem Werk Die blaue Blume des Wandervogels von Werner Helwig gesammelt wurden.

Gedenkstein der Wandervogelbewegung im Stadtpar Steglitz


Welche Pflanze steckt hinter der blauen Blume?

Ob der blauen Blume von Novalis eine tatsächlich existente Pflanze zugrunde liegt, ist bis heute umstritten. Als echte Vorbilder werden vor allem in Mitteleuropa heimische Pflanzen, wie die Kornblume oder die Wegwarte angesehen, die sich durch auffallend leuchtend blaue Blüten auszeichnen. Novalis selbst erwähnt einen blauen Heliotrop, womit die blaue Blume auf eine Sonnenwende zurückzuführen wäre. Diese Pflanzengattung umfasst allerdings über 250 Arten und weist weiße bis dunkelblaue Blütenblätter auf. Ein Alleinstellungsmerkmal ist die Farbe Blau in diesem Fall also nicht.

Blaue Blume | Fritz von Wille
 
Eine botanische Zuweisung der blauen Blume könnte anhand von Darstellungen in Gemälden erfolgen. Allerdings sind diese nicht einheitlich. So erscheint die blaugefärbte Blume in Runges „Der Morgen“ als Kelchblüte, während die blaue Blume in Fritz von Willes gleichnamigem Gemälde an Lupinen erinnern. Auch die Beschreibung der Wunderblume bei Novalis gibt nur wenige Hinweise auf das genaue Erscheinungsbild der Blume:

„[…]eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. […].“

Leider ist das Bild von Friedrich Schwedenstein, durch das Novalis inspiriert wurde nicht erhalten. Aufgrund der Angabe von breiten Blättern in Novalis Werk könnte die Kornblume bereits ausgeschlossen werden, da diese eher kleine und schmale Blätter aufweist. Lediglich die Sonnenwende würde über breite Blätter verfügen. Allerdings sind diese nicht glänzend und auch ihre Blütenfarbe scheint nicht mit dem Begriff lichtblau vereinbar. Hier würde der Verdacht auf die Wegwarte am nächsten liegen, doch auch sie hat wie die Kornblume eher schmale, zierliche Blätter. 

Die blaue Blume der Romantik mag sich so auch weiterhin das Geheimnis ihres botanischen Ursprungs bewahren können. Vielleicht wurde sie von Novalis sogar bewusst als „unwirkliches“ Gewächs beschrieben, um die Fantasie des Lesers zu fordern und ihn auf der Suche nach der blauen Blume selbst in die Natur zu entführen…


Miriam Adam, Hannah Mages

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