Schreibbüro zum blauen Federkiel

Pflanzen in der Literatur - Teil 3: Alraune



Die Alraune (Mandragora) ist eine krautige Pflanze, die gemeinsam mit Auberginen, Kartoffeln, Tomaten und Paprika zu den Nachtschattengewächsen zählt. Der Name der Alraune leitet sich nach den Gebrüdern Grimm von einer altgermanischen Seherin ab, die von Tacitus mit dem Namen Albruna überliefert ist. Hierzu muss man wissen, dass der Name aus den althochdeutschen Begriffen alb für "Elf, Zwerg, Faun" und rûnen für "flüstern", beziehungsweise dem gotischen Wort runa für "Geheimnis, Rune" abgeleitet ist. Albruna oder Alraune bedeutet demnach soviel wie Elfenflüstern, Elfengeheimnis oder Elfenrune. Die Namensgebung lässt erahnen, dass sich um die Alraune zahlreiche Mythen ranken. Dabei ist nicht nur das Erscheinungsbild, sondern auch die Heilwirkung der Alraune recht mysteriös...



Die Zauberwurzel 

Früher war die Alraune eine der bekanntesten Zauberpflanzen, die im Volksmund Trivialnamen wie Heinzelmännlein und Galgenmännchen trug. Diese bezogen sich auf die charakteristische Wurzelform der Mandragora, welche an die Gliedmaßen eines menschlichen Körpers erinnert. Aus der ungewöhnlichen Form leitet sich auch die botanische Fachbezeichnung "Mandragora" ab. Sie geht wahrscheinlich auf das persische Wort mardum-giâ zurück, das so viel bedeutet wie „Menschenpflanze“. Die Formgebung lässt im ersten Moment an eine verzauberte Wurzel denken, was die Fantasie natürlich sofort beflügelt. 

Gerade Schriftsteller und Dichter inspirierte die Alraune schon zu so manchem lyrischen Meisterwerk. Von Rowling über Heine bis hin zu Goethe und den Gebrüdern Grimm hat die Alraunenwurz in unzähligen literarischen Bestsellern ihren großen Auftritt. Selbst die Papyrusrollen der Pharaonen, ja, sogar die Bibelschriften berichten von der magischen Pflanze, deren Ruf schon immer ein zweifelhafter war. Mal gilt sie als Heils-, mal als Todbringer und mal besitzt sie sogar die Fähigkeit, zum Leben zu erwachen, ganz wie es die menschliche Form ihrer Wurzeln nahe legt.   


O, MANDRAGORA, many sing in praise
Of life, and death, and immortality,-- 
Of passion, that goes famished all her days,--
Of Faith, or fantasy;
Thou, all unpraised, unsung, I make this rhyme to thee. 

In Praise of Mandragora by Muriel Stuart


Seit Jahrtausenden schon ist die Alraune eine zentrale Pflanze in der Kräuterkunde, aber auch im Aberglauben zahlreicher Völker. Insbesondere die gemeine Alraune (Mandragora offinicarum) findet sich über alle Epochen hinweg in diversen Heil-, Zauber- und Märchenbüchern wieder. Eine magische Wirkung wird der Alraune dabei bereits seit der Antike zugeschrieben, wo sie vor allem als Talisman in Liebesangelegenheiten kursierte. Im Volksglauben des Mittelalters ging man davon aus, dass die Pflanze unter dem Galgen aus dem Urin der Gehängten erwuchs, weshalb sie den mehr als makaberen Trivialnamen Galgenmännchen erhielt.


Ob der schaudrigen Umstände ihres Gedeihens musste man bei der Ernte der Pflanze besondere Vorsicht walten lassen. So sollte die Alraune zum Beispiel nur in der Johannisnacht durch einen schwarzen Hund geerntet werden, der die Pflanze mitsamt ihrer Wurzel aus der Erde zog. Da die Alraune hierbei aber einen grellen Schrei von sich gab, der sofort zum Tode führte, mussten die Ohren zuvor mit Wachs, Wolle oder Pech verschlossen werden. Auf den Kaminsims gelegt, konnte die Alraune ihrem Besitzer anschließend zu Geldsegen, Gesundheit und Fruchtbarkeit verhelfen.

Diese Wurzel wächst unter dem Galgen, wo die zweideutigsten Tränen eines Gehenkten geflossen sind.
Sie gab einen entsetzlichen Schrei, als die schöne Isabella sie dort um Mitternacht aus dem Boden gerissen. Sie sah aus wie ein Zwerg, nur daß sie weder Augen, Mund noch Ohren hatte.
Das liebe Mädchen pflanzte ihr ins Gesicht zwei schwarze Wacholderkerne und eine rote Hagebutte, woraus Augen und Mund entstanden.
Nachher streute sie dem Männlein auch ein bißchen Hirse auf den Kopf, welches als Haar, aber etwas struppig, in die Höhe wuchs.
Sie wiegte das Mißgeschöpf in ihren weißen Armen, wenn es wie ein Kind greinte; mit ihren holdseligen Rosenlippen küßte sie ihm das Hagebuttmaul ganz schief; sie küßte ihm vor Liebe fast die Wacholderäuglein aus dem Kopf; und der garstige Knirps wurde dadurch so verzogen, daß er am Ende Feldmarschall werden wollte und eine brillante Feldmarschalluniform anzog und sich durchaus "Herr Feldmarschall" titulieren ließ. 

(aus „Die romantische Schule, Drittes Buch“ von Heinrich Heine)





Die Kontroverse Alraune

Im Buch Genesis des Alten Testaments wird die Alraune erstmalig mit dem Namen „dudai“ erwähnt. Hier verhalf sie Lea zur Fruchtbarkeit und ließ die Zuneigung ihres Mannes wieder erstarken. Im Mittelalter wurde die Alraune dann unter anderem in der Vulgata mit dem lateinischen Namen "Mandragora" aufgeführt, in althochdeutschen Glossen hingegen mit alruna oder auch alrun übersetzt. Ab dem 12. Jahrhundert taucht die Alrune vor allem in Kräuterbüchern oder Sagen zur Alruna auf. Hildegard von Bingen schreibt diesbezüglich, dass der Wurzel der Alruna der Teufel innewohne und die Pflanze deshalb vor ihrer Verwendung erst in Quellwasser gereinigt werden müsse. 

In Shakespeares Werken Othello und Antonius und Cleopatra taucht die Alraune dagegen wieder als Mandragora auf, die von den Protagonisten für ihre sedierende und halluzinogene Wirkung geschätzt wird. Bei Goethes Faust spöttelt der Teufel Mephisto später über den Aberglauben zur Mandragora:

„Da stehen sie umher und staunen, vertrauen nicht dem hohen Fund,
der eine faselt von Alraunen, der andre von dem schwarzen Hund.“

Goethes Dramenzitat macht deutlich, wie kontrovers die Wirkung und Bedeutung der Alraune immer schon diskutiert wurde. Für die einen war sie ein Glücks-, Schutz- oder Fruchtbarkeitssymbol, für die anderen Teufelswerk und Todbringer. Zurück zu führen ist der zwiespältige Ruf der Pflanze nicht nur auf religiöse Hintergründe des Mittelalters. Denn die Inhaltstoffe der Alraune haben zwei Gesichter und können in Abhängigkeit von der Dosis fürwahr über Leben und Tod eines Patienten entscheiden.



Alraune – Gift- oder Heilpflanze?

Als Heilpflanze findet die Alraune erstmalig auf babylonischen Keilschrifttafeln um 2000 v. Chr. Erwähnung, die eine Nutzung der Pflanze als Heilmittel gegen Zahnschmerzen empfehlen. Knapp ein Jahrtausend später wird die Alraune vom antiken Pharmakologen und Arzt Dioskurides aufgeführt. Er setzte die zerriebenen Blätter der Pflanze für Umschläge gegen Augenentzündungen und Geschwüre ein. Darüber hinaus kurierte Dioskurides Schlangenbisse und Gelenkschmerzen mit einer Paste aus gemahlener Alraunenwurzel, Essig, Öl und Honig. Im Gegensatz dazu erscheint die Alraune beim griechischen Philosophen und Naturgelehrten Theophrast, einem Schüler des Aristoteles, als aphrodisierendes Mittel.

Aus dem Mittelalter sind vermehrt Anwendungen der Alraune als medizinisches Sedativum nachgewiesen. Insbesondere bei chirurgischen Eingriffen galt die Pflanze als wichtiges Betäubungsmittel, denn die Operationen waren im Altertum mangels Möglichkeiten zur lokalen Betäubung oft sehr schmerzhaft für Patienten. Zur Betäubung wurde hierbei ein Tee aus der Wurzel der Mandragora gebrüht, der zusammen mit Mohnextrakt, Maulbeersaft, Schierling und Bildsenkraut auf einen Schwamm getropft und dem Patienten vor Mund und Nase gehalten wurde. In der von Hildegard von Bingen verfassten Causae et Curae scheint zudem eine Verwendung als Antidepressiva durch. Die Kräuterfrau empfahl Mandragora gegen Schwermut. Die Alraunenwurzel sollte dazu mit ins Bett genommen und erwärmt werden.

Trotz ihrer vielfach erwähnten Heilwirkung findet die Alraune heute keine Anwendung als Heilkraut mehr. Grund hierfür sind die toxischen Alkaloide der Pflanze, die hauptsächlich aus Hyoscyamin, Scopolamin und Atropin bestehen und bei Überdosis tödlich sind. Schon der Heilschatz der Pharaonen, eine der am besten erhaltenen Papyrusschriften des alten Ägyptens, warnte vor den ernsten Nebenwirkungen der Mandragora. Heute weiß man, dass Vergiftungen durch Alraune ein lebensgefährliches anticholinerges Syndrom provozieren, das mit Hautirritationen, Rötungen, Unruhe oder Schläfrigkeit sowie Halluzinationen, Bewusstlosigkeit und Herzrhythmusstörungen einhergeht. Es lässt sich nur vermuten, wie häufig eine Patientensedierung durch Alraune im Altertum ungewollt zum Tode geführt hat. In der modernen Medizin kommt sie jedenfalls nur noch in homöopathischen Dosen bei extremen Fällen von Asthma, Gelenkschmerzen, Depressionen oder Schlaflosigkeit zum Einsatz.

Wichtig: Auch wenn Alraune in Deutschland nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt und legal genutzt werden darf, ist von Privatexperimenten mit hochdosierten Extrakten ganz klar abzuraten! Zu groß ist die Gefahr einer lebensgefährlichen Vergiftung. Verzehren Sie Mandragora deshalb nur in geringen Mengen und gehen Sie bei unerwünschten Nebenwirkungen sofort zum Arzt.



Wenn die Feen heimlich flüstern…

Viele narrative Texte, aber auch diverse Riten im Volksglauben, zelebrieren die magische Seele der menschenartigen Alraunenwurzel. Tränke, Zauber, Segenssprüche, Flüche, Beschwörungsformeln, Talismane und sogar kostümierte Schutzpüppchen - Bräuche, die auf der Verwendung von Alraune beruhen, gibt es zuhauf und sie alle legen der Alraune etwas Magisches und / oder Mystisches nahe. Kein Wunder ist es da, dass die Albrune unzertrennlich mit den Vorstellungen von Fabelwesen und Anderswelten verknüpft sind. So entfliehen die Protagonisten diverser Geschichten unter Einfluss von Alraunenwurz für kurze Zeit ihren irdischen Leiden, indem sie durch die sedierende Wirkung in einen tiefen Schlaf verfallen. Andere Helden betreten gar das Jenseits oder ferne Welten, die sich im Traume auftun.

 Alraunenszene aus Pan's Labyrinth von Guillermo del Toro


Fazit: Die magische Aura, welche die Alraunenwurzel umgibt, ist bis heute erhalten geblieben und erinnert Menschen gerne an die Zeit der alten Märchen. Allein schon wegen der eigentümlichen Form ihrer Wurzeln kommt man nicht umhin, an Hexen, Gespenster, Fabelwesen sowie ihre Zaubergeheimnisse zu denken. Trifft man im echten Leben auf die Alraune, so sollte der Ruf der Feenwelt aber auch für gebührenden Respekt vor den mehr als realen (Neben-)Wirkungen der Mandragosa sorgen. Das Jenseits könnte bei falscher Dosierung nämlich näher sein als beabsichtigt. Wir empfehlen darum, auf die mahnende Stimme der Vernunft zu hören, die einem flüstert, man solle die Geheimnisse der Elfenrune mit Vorsicht genießen…



Ein Lesetipp noch am Rande: Mandragora Poems by John Cowper Powys