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Epikanalyse - Das Schloß (Kafka)



Textanalyse zum Roman "Das Schloß" von Franz Kafka



Die Bürokratie, sowie die damit verbundenen Vorschriften und Sprachhürden sind des Öfteren Gegenstand hitziger Diskussionen. Während Ämter und Behörden auf geltenden Bürokratiestrukturen beharren und darauf verweisen, dass sie zur Regelung des gesellschaftlichen Lebens unerlässlich seien, fordern Bürokratiegegner immer wieder einen drastischen Abbau an bürokratischen Hürden, weil sie das öffentliche Leben nach Auffassung der Gegenseite unnötig verkomplizieren. Ähnliche Kontroversen gab es auch zu Zeiten der Weimarer Republik, was in Franz Kafkas unvollendetem Roman "Das Schloss" aus dem Jahre 1938 besonders gut zur Geltung kommt. Der epische Text blieb bis zu Kafkas Tod 1922 unveröffentlicht, wurde später jedoch von seinem Nachlassverwalter Max Brod im Jahre 1926 in der Schriftensammlung "Franz Kafka: Schriften, Tagebücher, Briefe, Kritische Ausgabe" herausgegeben. Der vorliegende Romanauszug beinhaltet die Seiten 9 bis 12 des epischen Textes und erzählt von der Ankunft eines Unbekannten namens K. in einem Schlossgasthof. Im Folgenden wird der Ausschnitt interpretiert und auf seine sprachlichen, formellen, sowie epochenspezifischen Merkmale hin analysiert.




I. Inhalt und Intention des Romanauszugs


Am Anfang des Textes (Z. 1 - 4) kommt der Protagonist K. in einer kalten, dunklen Winternacht auf einer Brücke in der Nähe des Schlosses an. Er bleibt zunächst eine Weile dort stehen und beobachtet die winterliche Umgebung, bis er schließlich in der Ferne eine Lichtquelle ausmacht, die er als Schein des Schlosses interpretiert.

Im zweiten Sinnabschnitt (Z. 4 - 11) sucht K. seinen Weg zu der Lichtquelle, die sich schließlich tatsächlich als Schloß herausstellt. Auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit betritt er in Folge das schlosseigene Gasthaus, in welchem unter Aufsicht des Gastwirtes noch einige Bauern zusammen sitzen. Der Wirt wirkt ob K.'s Ankunft überrascht, stellt diesem jedoch vorläufig einen Schlafplatz zur Verfügung. Da keine Zimmer mehr frei sind, muss K. mit einem Strohsack in der Wirtsstube vorlieb nehmen.

Im darauffolgenden Abschnitt (Z. 12 - 49) wird der schlafende K. von einem jungen Mann geweckt, der sich als Sohn des Schlosskastellans vorstellt und gemeinsam mit dem Wirt neben K.'s Schlafplatz Stellung bezieht. der Kastellanssohn weist K. in amtlicher Sprachmanier darauf hin, dass er im Gasthof nicht ohne Erlaubnis übernachten dürfe, da dieses zum Schloss gehöre. Außerdem Merkt der junge Mann namens Schwarzer an, dass K. besagte Erlaubnis noch nicht vorgezeigt hat. K., welcher noch etwas schlaftrunken wirkt, glaubt zunächst, er träume. Als Schwarzer jedoch abermals auf die behördliche Vorschrift verweist, eine Erlaubnis für die Übernachtung im Schlossgasthof haben zu müssen, wird K. bewusst, dass es sich bei dem Gespräch um eine reale Situation handelt. Sogleich erkundigt sich der Gast, wo besagte Erlaubnis einzuholen sei, woraufhin der Sohn des Schlosskastellans den Schlossgrafen als Ansprechpartner nennt. Da es Mitten in der Nacht ist, möchte K. den Kastellanssohn auf den nächsten Morgen vertrösten, doch dieser gibt nicht nach. Die Situation droht zu eskalieren, weil K. den nächtlichen Wirbel um eine Aufenthaltsgenehmigung als "Komödie" abtut und sich wieder Schlafen legt. Schwarzers hartnäckiger Beamtenton hält ihn jedoch weiter wach, sodass K. schließlich angibt, ein vom Grafen persönlich bestellter Landvermesser zu sein, der sich im Schnee verirrt hatte.

Die neue Information zu K.'s Person bringt die unablässigen Forderungen Schwarzers schließlich zu einem Ende. Allerdings kündigt der Kastellanssohn an, sich umgehend telefonisch im Schloss zu erkundigen, ob K.'s Angaben der Wahrheit entsprechen. Der letzte Sinnabschnitt (Z. 50 - 76) handelt deshalb von eben jenem Telefonanruf im Schloss. Da sich das Telefon direkt über K.'s Rastplatz befindet, wird dieser weiter vom Schlafen abgehalten und muss gezwungenermaßen dem Telefongespräch lauschen. So bekommt er mit, dass Schwarzer nur einen Unterkastellan namens Herr Fritz an den Hörer bekommt, weil der Kastellan selbst bereits im Bett ist. Auch weicht Schwarzers fordernder Beamtenjargon im Gespräch mit dem Unterkastellan zusehends Erklärungsversuchen zu den Beweggründen für seinen späten Anruf und endet schlussendlich mit der Bitte an Herrn Fritz, er möge doch in der Zentralkanzlei nachfragen, ob tatsächlich ein Landvermesser vom Grafen einbestellt worden sei. Ob K.'s Aussagen der Wahrheit entsprechen und er tatsächlich im Auftrag des Grafen vor Ort ist, erfährt man an dieser Stelle nicht, denn hier endet der vorliegende Romanauszug.

Das Erzählverhalten Kafkas im Roman "Das Schloss" folgt der Er-Form. Insgesamt teilt der Autor sein Blickfeld mit jenem der Hauptfigur K., wobei seine Wahrnehmung zwischen Aißen- und Innensicht, beziehungsweise zwischen Distanz und Nähe wechselt. Im vorliegenden Textausschnitt überwiegt das personale Erzählen. Nur gelegentlich sind auktoriale Stellen zu finden, so zum Beispiel in den Textpassagen "Vom Schloßberg war nichts zu sehen." (Z. 1 f.) oder "Im einzelnen überraschte es K., im Ganzen hatte er es freilich erwartet." (Z 54 f.). Charakteristisch an Kafkas Schreibweise ist ferner, dass sich sowohl Eigenschaften eines Berichts, als auch einer Figurenrede erkennen lassen. Ebenso wird die Hauptfigur K. relativ zurückhaltend beschrieben, sodass nur dessen wörtliche Reden ein genaueres Bild ihn zulassen. In Bezug auf wörtliche Reden fällt zudem auf, dass Kafka dem Sohn des Schlosskastellan einen fast schon lächerlich peniblen Beamtencharakter angedeihen lässt. Dies ist sicher seiner ablehnenden Haltung gegenüber bürokratischen Staatsstrukturen geschuldet, die im vorliegenden Roman auch als Hauptintention genannt werden kann. K., der von Kafka als eine Art ahnungsloser "Eindringling" im Schlossgasthaus dargestellt wird, sieht sich durch den Sohn des Schlosskastellans mit der örtlichen Ordnungswelt konfrontiert und wird in Folge dazu gedrängt, sich dieser zu unterwerfen. Der Befehlston des Kastellanssohns steht hier stellvertretend für die amtliche Befehlsgewalt, die zusehends dominanter wird, je mehr sich K. versucht, ihr zu entziehen. K. ist demnach Sinnbild für den bürgerlichen Widerstand gegen ein bürokratisches System, das außer seinen eigenen Vorschriften nichts gelten lässt und mit Neuerungen - hier dargestellt durch K.'s Information, er sei ein vom Graf bestellter Landvermesser - völlig überfordert ist.


II. Form und Sprache des epischen Textauszugs


Der äußere Aufbau des vorliegenden Romanauszugs weist eine fett gedruckte Überschrift, sowie eine ebenfalls fettgedruckte Kapitelangabe auf. Strukturell besteht der Textausschnitt aus neun Absätzen ohne weitere Zwischenüberschriften.

Sprachlich ist der Text hauptsächlich in parataktischem Satzbau geschrieben. Die Dialoge zwischen K. und Schwarzer werden in Hochsprache geführt, wobei gerade Schwarzer einen auffälligen und unpersönlichen Beamtenjargon an den Tag legt. Auch sind zwei Wortfelder zu erkennen, von denen das erste als Wortfeld "Schlaf" bezeichnet werden kann. Entsprechende Wortbeispiele sind "Nachtlager" (Z. 5), "schlafen" (Z. 7), "übernachtet" (Z. 17), "geträumt" (Z. 25), "Mitternacht" (Z. 33), "Schlaf" (Z. 52), "Verschlafenheit" (Z. 56) und "Kopfkissen" (Z. 67). Das zweite Wortfeld lässt sich als "Amtsautorität" bezeichnen und wird durch Begriffe wie "Erlaubnis" (Z. 18 ff), "Respekt vor der gräflichen Behörde" (Z. 37), "Belehrung" (Z. 47), "Verhör" (Z. 70), "pflichtgemäße Androhung der Verweisung" (Z. 70), "formale Pflicht" (Z. 73) und "Zentralkanzlei" (Z. 74) wiedergegeben.


III. Interpretation des Textauszuges unter Berücksichtigung epochenspezifischer Merkmale


Franz Kafka ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Vertreter des literarischen Expressionismus. Seine Werke waren oftmals gesellschaftskritischer Natur und galten insbesondere zu Zeiten der Weimarer Republik als Stimme des bürgerlichen Widerstands. In seinem unabgeschlossenen Roman "Das Schloß" übt er vor allem Kritik an der bürokratischen Staatsordnung, sowie deren unpersönlicher Wirkung nach Außen. Zu diesem Zweck verwendet Kafka ganz gezielt amtssprachliche Formulierungen, um die behördliche Unpersönlichkeit gegenüber dem Bürger aufzuzeigen. So fallen zum Beispiel vermehrt räumliche Beobachtungen auf, die einem emotionslosen Berichtcharakter ähneln. Zwar wirkt der Romanauszug dadurch an manchen Stellen sehr trocken, doch zu wissen, dass Kafka diese Wirkung bewusst herbeiführt, um die Starre der Amtssprache aufzuzeigen, sorgt für humorvolle Momente.

Auch spricht die Romanfigur Schwarzer in strengem Bürokratendeutsch, was wie eine provokative Parodie seitens Kafkas wirkt. Im Gegensatz dazu erscheint die Hauptfigur K. sprachlich wie ein gewöhnlicher Bürger, dessen Namenskürzel die Frage aufwirft, ob es sich beim Protagonisten in Wahrheit nicht um den Autor selbst handelt. Dass K., der Unterschlupf im Schlossgasthaus sucht, vom Vertreter der hiesigen gräflichen Behörde zunächst nicht Willkommen geheißen, sondern unverzüglich in markanter Amtssprache nach Erlaubnisbescheinigungen gefragt wird, ist wie eine menschliche Unhöflichkeit zu Werten. Immerhin sollte man einen Gast normaler Weise freundlich begrüßen, anstatt ihn mitten in der Nacht wegen einem simplen Schriftstück aufzuwecken.

Als Erklärung für Schwarzers fehlende Gastfreundschaft wird im Romanauszug K.'s Erscheinungsbild deutlich. Da dieser wie ein fremder Landstreicher aussieht, erscheint er dem Sohn des Schlosskastellans verdächtig. Das bloße Aussehen des Fremden führt demnach zu einem ablehnenden Verhalten ihm gegenüber durch den Beamten. Als K. behauptet, ein vom Grafen persönlich bestellter Landvermesser zu sein, scheint der Beamte mit seiner behördlichen Direktive jedoch am Ende, denn ohne weitere Rücksprachen mit seinen Vorgesetzten, sieht er sich nicht imstande, die Situation aufzulösen. Das Misstrauen gegenüber K.'s Worten ließe sich erneut als unhöflich bezeichnen, da etwaige Zweifel wahrscheinlich nicht entstanden wären, wenn K. wie ein wohlhabender Mann gekleidet gewesen wäre. Kafka sagt dem Regierungsapparat des Beamtentums damit sehr offen eine gewisse Bevorzugung (einfluss-)reicher Bürger nach, während mittellose bzw. "gewöhnliche" Personen zunächst grundsätzlich als unerwünschte Gäste der Gesellschaft mit zwielichtigen Beweggründen betrachtet würden. Das gemeine Volk bräuchte darum selbst für banale Dinge wie eine Übernachtung im Gasthaus eine amtliche Bescheinigung, die ihnen den rechtmäßigen Aufenthalt an Ort und Stelle bestätigt. Das Verhalten der Amtsobrigkeit gegenüber dem gewöhnlichen Bürger gibt Kafka als dominant und weisungsgebunden bei gefühlter Überlegenheit, in Ausnahmesituationen hingegen überfordert und unkoordiniert wieder.


IV. Fazit


Wenngleich Kafkas Roman "Das Schloß" unvollendet blieb, besitzt es selbst im unfertigen Zustand eine hohe Aussagekraft über die Haltung des Autors gegenüber dem amtlichen Staatsapparat. Schon der gewählte Grund für eine Konfliktsituation gibt dabei Aufschluss über die angeprangerte Unmenschlichkeit der Behörden. Wer Zuflucht sucht, muss sein Recht auf Zufluchtsuchen durch eine amtliche Erlaubnis nachweisen können. Interessanter Weise ist diese Haltung der Ämter auch heute noch ein häufiger Streitpunkt. Gerade in der aktuellen Flüchtlingsfrage wird häufig kritisiert, dass in Not geratene Asylbewerber zunächst nach unsicheren und vermeintlich sicheren Herkunftsstaaten aussortiert werden. Nur wer nach vordefinierter, und nach Meinung vieler Experten unzureichender Grundlage aus Krisenregionen stammt, gilt als schutzbedürftig gilt und darf darum als Gast im Land bleiben. Existiert per Herkunftsdefinition kein Zufluchtsanspruch, reagiert der Staat mit Ausweisung, auch wenn betreffenden Personen in ihrem Ursprungsland soziale Not droht. Kafkas Hauptfigur K. verkörpert genau jene Personengruppen, die im wohlhabenden Zufluchtsgasthaus "Deutschland" nicht willkommen sind, weil sie a) das Erscheinungsbild eines Landstreichers haben und b) noch keinen Nachweis erbringen konnten, dass es ihnen gestattet ist, in unserem Land zu bleiben. K.'s Unwissen über derartige Bestimmungen ist diesbezüglich mit der Hilflosigkeit von Asylbewerbern zu vergleichen, die bei ihrer Ankunft völlig überfordert mit den ihnen unbekannten und sehr komplexen Aufenthaltsbestimmungen sind. Im Gegensatz zu diesen amtlichen Hürden für Absylbewerber stehen Dutzend reiche Geschäftsleute und Wirtschaftsbosse aus dem Ausland, die sich problemlos in Deutschland niederlassen dürfen, auch wenn sie aus definitiv sicheren Herkunftsstaaten stammen. Es lässt sich daher sagen, dass Kafka in seinem unvollendeten Roman eine nahezu zeitlose Kritik am Umgang der Behörden mit finanziell schlechter Gestellten, ebenso wie mit Fremden übt. Dank seines humorvollen Einsatzes der Amtssprache erreicht Kafka mit seinem Werk ein breites Publikum aus dem bürgerlichen Lager, das sich selbst oft der behördlichen Willkür ausgesetzt sieht. Zu Zeiten der Weimarer Republik war eine derartige Schrift sicher sehr gewagt und zeugt deshalb von großem Mut seitens des Autors, die geltende Regierungsordnung in Frage zu stellen. Insgesamt ist "Das Schloß" als gelungene Gesellschaftskritik zu werten, die für jeden leicht verständlich ist und bis heute nicht an Gültigkeit verloren hat.