Gedichtanalyse: Prometheus (Goethe)

by Elsie Russell


Prometheus

 

Bedecke deinen Himmel, Zeus,

Mit Wolkendunst!

Und übe, Knaben gleich,

Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöhn!

Musst mir meine Erde

Doch lassen stehn,

Und meine Hütte,

Die du nicht gebaut,

Und meinen Herd,

Um dessen Glut

Du mich beneidest.

 

Ich kenne nichts Ärmer’s

Unter der Sonn‘ als euch Götter.

Ihr nähret kümmerlich

Von Opfersteuern

Und Gebetshauch

Eure Majestät

Und darbtet, wären

Nicht Kinder und Bettler

Hoffnungsvolle Toren.

 

Da ich ein Kind war,

Nicht wusst‘, wo aus, wo ein,

Kehrte mein verirrtes Aug‘

Zur Sonne, als wenn drüber wär‘

Ein Ohr, zu hören meine Klage,

Ein Herz wie meins,

Sich des Bedrängten zu erbarmen.

 

Wer half mir wider

Der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverei?

Hast du’s nicht alles selbst vollendet,

Heilig glühend Herz?

Und glühtest, jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden dadroben?

 

Ich dich ehren? Wofür?

Hast du die Schmerzen gelindert

Je des Beladenen?

Hast du die Tränen gestillet

Je des Geängstigten?

 

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet

Die allmächtige Zeit

Und das ewige Schicksal,

Meine Herrn und deine?

 

Wähntest du etwa,

Ich sollte das Leben hassen,

In Wüsten fliehn,

Weil nicht alle Knabenmorgen-

Blütenträume reiften?

 

Hier sitz‘ ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, weinen,

Genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten,

Wie ich.

Johann Wolfgang von Goethe






Gedichtanalyse

Das Gedicht "Prometheus" von Goethe aus dem Jahr 1776 erzählt, was Prometheus von Zeus und den Göttern hält und wie er zu ihnen steht. Die Figuren benutzt Goethe in seinem Gedicht als Sinnbild für die Beziehung zwischen adeligen Lehnsherren und dem ihnen untergebenen Volk.



I. Inhalt und Aufbau des Gedichts


Im ersten Abschnitt des lyrischen Stückes (V. 1 -12) geht es um die Aufforderung des Prometheus an Zeus und Seinesgleichen, weniger Überheblichkeit und Besitzansprüche zu zeigen. In der zweiten Strophe (V. 13 bis 21) kritisiert Prometheus dann die Herrschaftsform der Götter. Daraufhin folgt in der dritten Strophe ein monologischer Rückblick des Göttersohns, im Gedenken an sein einst kindliches Urvertrauen gegenüber den Göttern (V. 22 - 28). Der Monolog setzt sich in der nächsten Strophe (V. 29 bis 37) in einer biographischen Erzählung fort, in der Prometheus von der fehlenden Unterstützung der Götter berichtet, und wie er darauf angewiesen war, seine Probleme selbst zu bewältigen. In der fünften Strophe (V. 38 - 46) hält Prometheus eine Art Rede, in der er sein Unverständnis gegenüber der Götterhuldigung ausspricht. Dies läuft auf eine Reihe an rhetorischen Fragen an die Götter hinaus, die sich bis in die sechste Strophe (V. 47 bis 51) ziehen. Zum Schluss verkündet Prometheus schließlich sein Bestreben, die Menschen nach seinem Ebenbild zu formen, welches die Götter nicht nur kritisch be-trachtet, sondern sie nahezu ver-achtet.

II. Form und Sprache des Werkes


Erzählt wird das Gedicht "Prometheus" von einem lyrischen Ich, was durch Textstellen wie "Da ich ein Kind war [...]" in Vers 22 belegt ist. Die Verzahl im Gedichtist unregelmäßig. Auch gibt es kein Metrum und kein erkennbares Reimschema. Dies ist auf die Epoche des Sturm und Drang zurück zu führen, in welcher der lyrische Text geschrieben wurde. Aus Protest gegen bestehende Regeln und Vorgaben wurden in dieser Epoche auch literarische Gesetzmäßigkeiten und Normen oft missachtet, was auch in Prometheus der Fall ist.

In Sachen Wortwahl fällt bei Goethes Gedicht eine häufige Nutzung des Wortfeldes 'Religion' auf. Dies lässt sich unter anderem an Wörtern wie 'Zeus' (Vers 1) und 'Götter' (Vers 14) erkennen, welche symbolisch für die monarchischen Herrscher der damaligen Zeit stehen. Der Poet versucht hierdurch, seine kritischen Ansichten zur damals geltenden Herrschaftsform zum Ausdruck zu bringen. So heißt es z.B. in der 2 Strophe: "Ich kenn nichts Ärmer's unter der Sonn' als euch Götter. Ihr nähret kümmerlich von Opfersteuern und Gebetshauch Eure Majestät und darbtet, wären nicht Kinder und Bettler hoffnungsvolle Toren." Im Übertragenen Sinne will Goethe damit sagen, dass die Monarchie ohne die Steuern und Leichtgläubigkeit des Volkes gar nicht existieren könnte.

Ein weiteres Wortfeld wird in "Prometheus" aus Begriffen gebildet, die für das Lehnswesen im 18. Jahrhundert. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Satz: "Musst mir meine Erde doch lassen stehn, und meine Hütte, die du nicht gebaut, und meinen Herd, um dessen Glut du mich beneidest." aus der ersten Strophe. Er verdeutlicht, wie angespannt das Verhältnis zwischen bürgerlichen Vasallen und adeligen Lehnsherren zu jener Zeit war und dass Prometheus als Urheber dieses Satzes stellvertretend für das Volk spricht.

In Bezug auf den Satzbau und verwendete Stilmittel im Gedicht ist zu sagen, dass der lyrische Text hypotaktisch geschrieben ist und vor allem gegen Schluss viele rhetorische Fragen enthält. Als Stilmittel wurden daneben auch Neologismen wie "Rettungsdank" (V. 34) und "Knabenmorgen" (V. 48) verwendet, die dem Aufzeigen jugendlicher Ideale des Prometheus dienen. Als rhetorische Fragen lassen sich "Hast du die Tränen gestillet je des Geängstigten?" (V. 39 - 40) und die Ellipse "Ich dich ehren? Wofür?" anführen. Sie geben das Unverständnis des Prometheus zur übertriebenen Huldigung der Götter wieder und fungieren als Begründung für seine Kritik an der göttlichen Herrschaft.


III. Thematische Aspekte unter Einbeziehung der Epoche


Da der Text in der Zeit des Sturm und Drang verfasst wurde, zeigen sich auch epochentypische Aspekte. Zum einen ist der Mut zur verbalen Auflehnung gegen die Obrigkeit und deren Regeln sehr charakteristisch für besagte Literaturepoche. Zum anderen ist der bereits erwähnte Bruch mit gängigen literarischen Rhythmus- und Reimschemen ein eindeutiges Merkmal der Sturm-und-Drang-Zeit. Die Götterbildnisse, die in dem lyrischen Text genutzt werden, stehen für die adeligen Herrscher, denen Prometheus trotz ihrer Macht und ihres Geldes anrät, sich nicht übermenschlich zu verhalten. Die Begriffe "Opfersteuer" und "Gebetshauch" (V. 15 - 16) im Speziellen sind eine Anlehnung an das Verhalten der Kirche, welche den Adel im 18. Jahrhundert nicht nur finanziell unterstützte, sondern ihm durch göttlichen Segen überhaupt erst zur Macht verhalf.


IV. Fazit


Goethe, der eigentlich als wichtigster Vertreter der Weimarer Klassik gilt, hat auch eine literarische Jugend der Rebellion durchlebt. Sein Werk "Prometheus" ist dabei deutlich von seinen klassischen Werken abzugrenzen und steht vielmehr für die literarischen Prinzipien des Sturm und Drang. Zwar ist mit der griechischen Sagengestalt Prometheus ein für die Klassik typisches Literaturthema gegeben, doch in Sachen Form- und Sprachwahl lehnt sich Goethe in seinem Gedicht ganz klar gegen die Bestimmungen der Weimarer Klassik auf. Insgesamt ist seine Intention durch die energische Wortführung und den bewussten Bruch mit geltenden Stilformen gut umgesetzt und leicht verständlich.

Peter K.

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