Gedichtanalyse: Der Panther (Rilke)

by Klaus J. Peter

 

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris


Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.


Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein großer Wille steht.


Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille -

und hört im Herzen auf zu sein.




Rainer Maria Rilke, 6. 11. 1902, Paris





Gedichtanalyse


Heute wie vor 100 Jahren werden Tiere in Gefangenschaft gehalten, zu Unterhaltungszwecken und zur Belustigung. Gerade seltene Tierarten gelten als begehrt, da sie mehr Zuschauer anlocken. Die Tierhalter achten dabei häufig nur sehr nebensächlich auf die Bedürfnisse ihrer Tiere und schmälern zusätzliche Kosten für deren Wohlbefinden zu Gunsten des eigenen Gewinns. Ist es gerecht, Tiere auf derartige Weise zu behandeln? Rainer Maria Rilke schreibt in seinem Gedicht „Der Panther“ von 1903 über eben jenes Problem. Im Folgenden soll Rilkes Gedicht auf inhaltliche und sprachliche Merkmale analysiert und auf thematische Aspekte unter Einbezug der Epoche hin interpretiert werden.



I. Inhalt und Aufbau des Gedichts

Die erste Strophe (Vers 1 bis 4) behandelt die visuelle Wahrnehmung des Panthers. Die Raubkatze schaut unentwegt auf die Stäbe ihres Käfigs. Es existieren so viele Gitter, dass sie das ganze Blickfeld des Panthers einnehmen und es ihm scheint, als gäbe es nichts mehr außerhalb des Käfigs. Die Monotonie der Situation und des Ortes wird den Augen des Panthers deutlich. Diese erscheinen müde, weil sie nichts außer symmetrisch angeordnete Gitterstäbe sehen können.

In der zweiten Strophe (Vers 5 bis 8) geht es um die Fortbewegung des Panthers. Durch den kleinen Käfig ist die Entfaltungsmöglichkeit der Raubkatze eingeschränkt, was ihre eigentliche Kraft nutzlos erscheinen lässt. Der Wille des Tieres ist nahezu gebrochen, was auf seine aussichtslose Situation zurückzuführen ist.

In der letzten Strophe (Vers 9 bis 12) wird das Empfinden des Panthers beschrieben. Meistens bewegt er sich mit geschlossenen Augen, in manchen Augenblicken aber öffnet er sie. Ein bleibendes Bild entsteht dabei jedoch nicht, denn das Tier hat die Hoffnung auf ein Entkommen aus dem Käfig bereits aufgegeben.


II. Form und Sprache des Werkes

Im Folgenden soll Form und Sprache des Werkes "Der Panther" analysiert werden.
Das Gedicht besteht aus drei Strophen, die sich jeweils aus vier Versen zusammensetzen. Jede der Strophen enthält zwei Kreuzreime und beinhaltet abwechselnd eine weibliche und eine männliche Kadenz. Dies verdeutlicht die verwirrende und groteske Situation, in der ein eigentlich starkes und majestätisches Tier in einen kleinen Käfig eingesperrt ist. Bis auf den letzten Vers ist das Versmaß des Gedichts ein fünf-hebiger Jambus. Der letzte Vers unterscheidet sich vom restlichen Gedicht, denn dort ist der Jambus nur vier-hebig. Die Hoffnung, die der Autor zuvor in der dritten Strophe weckt, wird mit dieser Formabweichung unweigerlich zerstört.

Der Text ist relativ einfach gehalten, ohne Fachbegriffe oder schwer verständliche Ausdrücke. Die einfache Wortwahl soll dafür sorgen, dass sich möglichst viele Personen von diesem Text angesprochen fühlen, gerade aber die jüngere Generation, die dazu fähig ist, Veränderungen zu erreichen.

Das Gedicht enthält vereinzelt kurze Sätze, es überwiegen allerdings Hypotaxen, um die Bedeutung der Gefangenschaft und der Verzweiflung des Panthers zu betonen.

Personifikationen wie „eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht“ (V. 8) oder „manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich langsam auf“ (V. 9 bis 10) betonen die Stärke des Panthers. Dessen Wille ist derart groß, dass er bereits ein Eigenleben entwickelt und mit dem eigentlichen Tier gleichgesetzt werden kann.

Die Antithese „Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte“ (V. 5) drückt die verzweifelte Lage der Raubkatze aus. In seinem kleinen Käfig ist das Tier derart eingeschränkt, dass seine ursprünglich kraftvolle Fortbewegung zu einem matten und langsamen Gehen im Kreis verkümmert.

Die Klimax in den Versen 10 bis 12 verbildlicht das Empfinden und die Wahrnehmung des Panthers. Das Bild gelangt von außen durch die Pupille tief ins Innere des Tieres, wo es über die physischen Glieder und schließlich in Psyche, Herz und Seele gelangt.
In den Versen 3 und 4 findet man schließlich noch die Anapher „als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.“ Sie dient einer endlosen Aufzählung immer gleicher Eindrücke, welche die Raubkatze aus der Außenwelt erreichen. Hierdurch wird die Monotonie des Alltags im Käfig verdeutlicht.


III. Thematische Aspekte unter Einbeziehung der Epoche

Abschließend sollen in dieser Analyse unter Einbezug der damaligen Epoche thematische Aspekte des Gedichtes herausgearbeitet werden.

Das Gedicht „Der Panther“ wurde in der Zeit des impressionistischen Symbolismus verfasst, der sich von ca. 1860 – 1925 damit befasste, eine neue Entfaltungsmöglichkeit als Gegenstück zum Realismus und Naturalismus zu finden. Die Zeit der Symbolisten war geprägt von der Industrialisierung und damit einhergehenden technischen und wirtschaftlichen Fortschritten, die in der Bevölkerung zwei entgegengesetzte Reaktionen hervorriefen. Zum einen war man überrascht und begeistert von den neuen Möglichkeiten, die sich aufgrund der Industrialisierung boten und die das Alltagsleben auf vielerlei Weisen beeinflussten und verbesserten. Allerdings kam auch Ungewissheit darüber auf, wie man mit all dem Neuen umgehen sollte. Viele waren verunsichert darüber, wie sie sich in dieser neuen Welt zurechtfinden sollten. Daneben waren aufgrund der zunehmenden Verstädterung des Lebensraums beengte Wohnverhältnisse trister Alltag. Der Käfig des Panthers dient deshalb auch als Metapher für die soziale Situation der damaligen Zeit.

Das Jahr 1903, in dem das Gedicht verfasst wurde, war überschattet von einem Klima der Angst und Ungewissheit in ganz Europa. Wenige Jahre später sollten sich die Spannungen und Disparitäten in Europa im 1. Krieg entladen, der beinahe die ganze Welt erfasste.

Wie der Panther in Rilkes Gedicht war Deutschland zu dieser Zeit metaphorisch eingesperrt. Umgeben von Ländern, die die Ambitionen Deutschlands nicht teilten, sondern ihnen sogar abgeneigt gegenüberstanden, war das Land wie betäubt und umzingelt von politischen 'Gitterstäben', die den Handlungsspielraum des Landes einengten. Somit schien ein Krieg auch ohne das Attentat von Sarajevo beinahe unvermeidlich. Auf die Lage Deutschlands zu Anfang des 20. Jahrhunderts bezogen, symbolisieren die Stäbe, die den Käfig des Panthers bilden, also die territorialen Grenzen Deutschlands.


IV. Fazit


Zusammenfassend ist zu sagen, dass Rainer Maria Rilkes Gedicht ein gutes Beispiel dafür ist, warum sich jede Person mit der Frage auseinandersetzen sollte, ob es gerecht ist, Tiere einzusperren und ihrer Freiheit zu berauben. Ziel muss es sein, die Lebensbedingungen der Tiere in Gefangenschaft zu verbessern oder sie freizulassen. Es darf nicht hingenommen werden, die Rechte von Tieren allein aus dem Grund zu verletzen, Profit zu erzielen. Gleichwohl sind die gefangenen Tiere für Rilke ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen Alltagspflichten und Gefangenschaft oftmals verschwimmen. Dies aufzuzeigen gelingt Rilke mit einem gewollten Perspektivenwechsel, durch den sich der Leser des Gedichtes in die Raubkatze hineinversetzen und mit ihr fühlen kann.



Tobias W.

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