Schreibbüro zum blauen Federkiel

Gedichtanalyse: Dem aufgehenden Vollmonde (Goethe)

by Ernst Barlach


Dem aufgehenden Vollmonde


Willst du mich sogleich verlassen?

Warst im Augenblick so nah!

Dich umfinstern Wolkenmassen,

und nun bist du gar nicht da.


Doch du fühlst, wie ich betrübt bin,

blickt dein Rand herauf als Stern!

Zeugest mir, daß ich geliebt bin,

sei das Liebchen noch so fern.


So hinan dann! Hell und heller,

reiner Bahn, in voller Pracht!

Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,

überselig ist die Nacht.



Johann Wolfgang von Goethe






Gedichtanalyse

Im lyrischen Text „Dem aufgehenden Vollmonde“ von Johann Wolfgang von Goethe, das am 25. 08. 1828 in Dornburg verfasst wurde geht es um die in der Romantik typisch behandelten Thematiken. Das Gedicht beschreibt ein lyrisches Ich, das voller Gefühle und Emotionen von dem Mond berichtet und dessen von seiner persönlichen Bindung zu dem Himmelskörper berichtet. Die Merkmale der  Romantik, Sehnsucht und Natur, sind dabei wesentliche Bestandteile des Gedichts. Im Folgenden wird dieses nun analysiert.




I. Inhalt und Aufbau des Gedichts

Die erste Strophe (Vers 1 bis 4) aus "Dem aufgehenden Vollmonde" handelt von einem hinter den Wolken verschwindenden Mond, der durch das lyrische Ich angerufen wird. Dieses ist beim Gedanken daran, dass der Mond sich vor ihm versteckt, ihn verlässt, von trauriger Stimmung beseelt und zutiefst betrübt.

Die Tatsache, dass der Vollmond schließlich wieder auftaucht, deutet das lyrische Ich in der nächsten Strophe (Vers 5 bis 8) als Liebesbeweis. Durch das Aufblitzen des Himmelskörpers fühlt sich der Sprecher trotz der großen Distanz in seiner Liebe erwidert und ist erfreut über das erneute Erscheinen des Naturbildes.

In der dritten Strophe (Vers 9 bis 12) wird erkennbar, dass die Gefühle des lyrischen Ichs beim völligen Auftauchen des Mondes zunehmen. Erwartungsvoll blickt dieses gen Himmel und nimmt die gesamte Gestalt des Mondes in seiner umfangreichen Pracht wahr.


II. Form und Sprache des Werkes

Das vorliegende Gedicht ist in drei Strophen zu je vier Versen gegliedert und weist ein durchgehendes Reimschema im Kreuzreim auf. Dieser Sprechfluss wird durch das Metrum eines vier-hebigen Trochäus unterstützt, der in der ersten und dritten Strophe einen regelmäßigen Wechsel der weiblichen und männlichen Kadenzen aufweist, während man in der zweiten Strophe rein männliche Verschlüsse vorfindet.

Geschmückt wird dieser lyrischer Text durch zahlreiche Variationen in der Wortwahl. Besondere Wortfelder fallen hierbei auf, die zum Beispiel aus dem Bereich der Entfernung und Nähe stammen. Hierzu kann man die Begriffe „verlassen“ (V. 1), „nicht da“ (V. 4), „so fern“ (V. 8) und „so nah“ (V. 8) zählen. Einen weiteren sprachlichen Fokus legt Goethe auf die Gefühlswelt, indem er Wörter wie „fühlst“ (V. 5), „betrübt“ (V. 5), „geliebt“ (V. 7), „Herz“ (V. 11) und „schmerzlich“ (V. 11) anführt. Zuletzt ist das Wortfeld des Firmamentes aufzuzählen. Dazu gehören die Wörter „Wolkenmassen“ (V. 3), „Stern“ (V. 6), „Reiner Bahn“ (V. 10), sowie das Wort „Nacht“ (V. 12).

Die Syntax von Goethes Werk ist durch Hypotaxen gekennzeichnet. Des Weiteren finden sich im Gedicht viele Steigerungsformen von Adjektiven. Entsprechende Exempel sind „hell und heller“ (V. 9), „voller“ (V. 10), „schmerzlich schneller“ (V. 11) und „Überselig“ (V. 12). Sie dienen der Darstellung von Euphorie und überschwänglichen Gefühlen, welche das lyrische Ich bei der Betrachtung des Mondes hegt.

Eine weitere Auffälligkeit an Goethes lyrischem Werk sind die zahlreich im Gedicht verwendeten Stilfiguren und Bilder. Hierzu kann man die personifizierte rethorische Frage „Willst du mich sogleich verlassen?“ (V. 1) zählen. Diese hebt die emotionale Bindung hervor, die aus Sicht des Sprechers zum personifizierten Mond besteht. Eine Personifikation des Himmelskörpers liegt diesbezüglich insofern vor, als dass dieser vom lyrischen Ich direkt angesprochen wird. Die Konjunktionen „Und“ (V. 4) und „daß“ (V. 7) erzeugen des Weiteren einen kindlichen Sprachcharakter, der auf die unschuldige Liebe des Sprechers zum Mond schließen lassen. DieAlliteration „da. […] doch du“ (V. 4 f.), sowie die Ellipsen in Vers zwei und sieben, bei denen das Subjekt nicht vorhanden ist verstärken die Gefühle, die das lyrische Ich gegenüber dem Mond hegt weiter.

Das Wort „umfinstern“ in Vers 3 stellt einen Neologismus, also eine Wortneuschöpfung dar, welche die Anspannung des lyrischen Ichs beim plötzlichen Verschwinden des Vollmondes verdeutlichen. In Vers 8 nutzt Goethe dann eine Periphrase, um abermals die Nähe und Verbundenheit zum Mond hervorzuheben. Die bildhafte Erscheinung des Mondes in der letzten Strophe wird durch die Elisionen „So hinan denn!“ (V. 9), „Reiner Bahn in voller Pracht“ (V. 10) und durch die Klimax „hell und heller“ (V. 9) erkenntlich gemacht. Die emotional erfreuliche Beobachtung des lyrischen Ichs wird durch das Symbol in Vers elf bekräftigt.


III. Thematische Aspekte unter Einbeziehung der Epoche


Der Titel des Gedichts "Dem aufgehenden Vollmonde" verrät nicht nur den Ablauf der nachfolgenden Handlung, der aus einer Art Minnesang an den Mond besteht. Auch dass das lyrische Ich den Mond verehrt und huldigt, wird dank der besonderen Wortwahl im Titel schnell ersichtlich. Die Form der hier getätigten Ansprache wird führ gewöhnlich in Liebesbriefen oder Liebesgedichten benutzt, um den bzw. die Geliebte anzurufen. Außerdem erzeugt die Titelansprache das Gefühl der Distanz, die ganz offensichtlich zwischen Sprecher und Mond herrscht. Der Leser hat das Gefühl, als schriebe eine verleibte Person an den geliebten Partner.

Aufgrund der großen Sehnsucht, die das gesamte Gedicht bestimmt, wie auch der hingebungsvollen Offenbarung persönlicher Gefühle lässt sich Goethes Gedicht in die Epoche der Romantik (1798 - 1848) ein ordnen. Ferner ist davon auszugehen, dass das lyrische Ich in die Natur zu entfliehen versucht und sich ganz auf seine Naturbeobachtungen bezüglich des Mondes konzentriert. Ein für die Romantik typisches Lyrikelement, das den Drang der Menschen, vor der zunehmenden Industrialisierung zu fliehen, wiedergibt. Durch die Personifikation des Mondes und dem intensiven Befassen mit diesem Naturbild findet man darüber hinaus Anlehnungen an die griechische Mythologie, deren Thematiken in Romantik ein wahres Revival erlebten und in der sich zahlreiche Poeten ebenfalls mit dem Mondmotiv beschäftigen.


IV. Fazit


Goethe, der eigentlich als Vorzeigeautor der Weimarer Klassik gilt, verfasste mehr als nur ein Werk, das sich den klassischen Vorgänger- bzw. Nachfolgerepochen zuordnen lässt. Ähnlich wie sein Gedicht "Prometheus", das dem Sturm und Dran zuzuordnen ist, markiert sein Werk "Dem aufgehenden Vollmonde" einen Epochenwandel hin zur Romantik, der sich gegen Ende der Weimarer Klassik vollzog. Die zarte und liebevolle Ausdrucksweise gegenüber dem Mond, wie auch dessen Personifikation sind kennzeichnend für die romantische Literatur, in der sehr häufig Naturerscheinungen glorifiziert und in den Rang einer übernatürlichen Macht erhoben wurden. Für Goethe ist die Beziehung zum Vollmond schon fast mit einer Liebschaft zwischen Dichter und Natur gleichzusetzen, was an seinen huldigenden Worten gut zu erkennen ist. Insgesamt sind Textbotschaft und Intention leicht verständlich und geben dem Leser einen detailierten Einblick in die Gefühlswelt des Autors beim Anblick des Vollmondes.



Nina P.