Schreibbüro zum blauen Federkiel

Literatur in Tateinheit mit Kunst: Romantik



Romantik (1798 - 1848)

Der kleine Morgen (Philipp Otto Runge)


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Begriffserklärung: Der Begriff 'Romantik' leitet sich von dem altfranzösischen Worlaut in lingua romana ab, welcher übersetzt so viel bedeutet wie 'in Volkssprache verfasst'. Er bezeichnete seinerzeit literarische, in der jeweiligen Landessprache verfasste Schriften und bildete einen klaren Kontrast zu den traditionell in lingua latina, also in lateinischer Sprache verfassten Werken. Ferner entstand in diesem Zusammenhang auch das Wort 'Roman' für die damals aufkommende, länger gefasste Variante schriftlicher Erzählung in Vers- bzw. Prosaform. Epochenbasiert umfasst die Romantik eine phantastische, sinnliche, abenteuerliche und mystische Weltanschauung.


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Übermaß an Rationalität als historischer Hintergrund: Die Romantik entstand in etwa zeitgleich mit Sturm und Drang und Klassik als Antwort auf die rational-belehrenden Gedanken der Aufklärung. Allerdings, und hier liegt der entscheidende Unterschied, verstanden sich die Vertreter der Romantik nicht als vernunftorientierte Volkserzieher, sondern als Versteher der Volksseele. Zwar war den Stürmern und Drängern die Betonung der Empfindsamkeit gleichermaßen wichtig wie den Romantikern, jedoch wandten sich Letztere hierbei eher der geisteswissenschaftlichen Erforschung der Gefühlswelt zu. Die Sturm-und-Drang-Idealisten hingegen folgten in ihrer Beurteilung der Gefühlsebene dem aufklärerischen Vorbild naturwissenschaftlicher Rationalität.

Zwei widerstrebende Prinzipien mit weitreichenden Konsequenzen. Denn während die Sturm-und-Drang-Impulse zur streng an der Antike orientierten Klassik führten, entwickelte sich der Romantikgedanke zu einem eigenständigen Epochenkonzept, das sich gänzlich vom antiken Vorbild löste und stattdessen die eigene Kulturgeschichte erforschte. Als wichtige Motive der Romantik gelten:

  • Sehnsucht nach Heilung der allzu vernunftgeleiteten Welt durch gefühlsbetonte Impulse
  • Verbindung von Wissenschaft, Philosophie und Poesie zu einer literarischen Universaleinheit
  • innere Wahrheiten (z.B. Mystik, Fantasie, Liebe, Spiritualität und alternative Weltanschauungen) haben nicht weniger Daseinsberechtigung als naturwissenschaftliche Fakten
  • Flucht in Nostalgie und Fantasie, um scheinbar unerträglichen Gesellschaftsprozessen (insbesondere Industrialisierung und Rationalität) zu entgehen
  • Erforschung des Unbewussten in der menschlichen Psyche zum Zwecke der Selbsterkenntnis, Klugheit und Wahrheit (Spiegelmotiv)

Gerade das Motiv der Sehnsucht spielte in der Romantik eine wichtige Rolle, da es den Wunsch nach emotionaler Harmonie und Heilung am besten zum Ausdruck brachte. Das Finden des harmonischen Einklangs wurde meist mit einem weit entfernten, unendlichen, möglicherweise sogar außerweltlichen Ort (Paradies) verknüpft, der frei von realistischen und gesellschaftlichen Zwängen war. Sinnbild dieses abstrakten Fernwehs war die blaue Blume. Ein Symbol, das von Friedrich von Hardenberg alias Novalis in seinem Romanfragment 'Heinrich von Ofterdingen' erstmals Erwähnung fand. Die Hauptfigur seines Romans Heinreich, welcher als Urheber des Niebelungenlieds, einem mittelalterlichen Heldenepos aus dem 13. Jahrhunderts gilt, begibt sich in Gedanken an eine blaue Blume auf eine geistige Wanderschaft und reist dabei in tagträumerischer Manier durch fremde Gefilde. Inspiriert wurde Novalis hier von seinem engen Vertrauten, dem deutschen Maler Friedrich Schwedenstein, der einst das Bild einer mystischen blauen Blume angefertigt hatte.


Die blaue Blume (Fritz von Wille)
Ob es sich bei der Pflanze um eine Kornblume, Wegwarte oder den blauen Heliotropium handelte, bleibt bis heute ungeklärt. Fest steht aber, dass das Blumensymbol im Verlauf der romantischen Epoche immer wieder von zeitgenössischen Poeten, Malern und Musikern aufgegriffen wurde. So widmete Joseph Freiherr von Eichendorff der blauen Blume beispielsweise ein gleichnamiges Gedicht und der namhafte Komponist Franz Schubert vertonte Wilhelm Müllers Werk 'Die schöne Müllerin', in dem ebenfalls blaue Blumen erwähnt werden. Auch in Philipp Otto Runges malerischem Symbolbild 'Der kleine Morgen' erstreckt sich ein blauer Blütenkelch zum Nachthimmel. Fritz von Willes Landschaftsbild 'Die blaue Blume' schaffte es sogar in die private Kunstsammlung von Kaiser Wilhelm II.


Wissenswertes: Ebenfalls wichtig war die blaue Blume später für die Jugendbewegung des Wandervogels zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte dieser maßgeblich von Schülern und Studenten motivierten Bewegung wird im 1960 erschienenen Buch 'Die Blaue Blume des Wandervogels' von Werner Helwig eindrucksvoll erläutert.



„Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.“

(Ricarda Huch, 1864 - 1947)



Bedeutung der Romantik für die Literatur


Eine besondere Neuerung im Bereich der Literatur waren zu Zeiten der Romantik die erstmaligen Publikationen weiblicher Schriftsteller.  In Deutschland waren dies vor allem Karoline von Günderode und ihre Freundin Bettina von Arnim. Der emanzipatorische Impuls kam nicht von ungefähr, hatten Frauen doch seit jeher einen wesentlich gefühlsbetonteren Blick auf die Welt, welcher in der romantischen Literatur schließlich endlich gewürdigt wurde. Zu den gängigsten Formen dieser Literatur gehören:


Italia und Germania (Friedrich Overbeck)
  • Bildungsroman
  • Entwicklungsroman
  • Schauerroman
  • Sagen und Legenden
  • Verslyrik
  • Volkslied
  • Volksmärchen und -fabeln


Kennzeichnend für die literarischen Formen ist hierbei, dass sie in der Romantik gerne miteinander Kombiniert wurden. So gab es zum Beipsiel Erzählgedichte, die sowohl den Charakter einer Versdichtung, als auch die narrativen Eigenheiten eines Märchens oder Romans beinhalteten. Auf diese Weise entstand eine zeitlose Universalpoesie, deren Elemente und Stilmittel noch heute Anwendung finden.


1798 - 1804 Frühromantik: In der deutschen Frühromantik fand hauptsächlich eine theoretische Orientierung späterer Romantiker statt. Dies geschah in erster Linie an der Universität Jena (Jenaer Romantik), sowie den literarischen Salons von Berlin. Zusätzlich bildete die Literaturzeitschrift 'Athenäum' der Gebrüder Schlegel eine zentrale Austauschplattform für die Mitglieder der Romantikbewegung. Hier wurden romantische Theorien, Philosophieansätze, sowie literarische Werke namhafter Romantiker gedruckt.

1804 - 1818 Hochromantik: Nach den ersten theoretischen Gehversuchen wanden sich die Literaten der Romantik immer stärker der Volkspoesie zu. Die wohl bekannteste Volksmärchensammlung ist in diesem Zusammenhang den Gebrüdern Grimm zu verdanken. In Sachen Lyrik begeisterte Novalis mit seiner rhythmischen Prosa 'Hymnen an die Nacht' und dem phantastischen Entwicklungsroman 'Heinrich von Ofterdingen'. Zentraler Handlungsort der Hochromantik in Deutschland war Heidelberg (Heidelberger Romantik).

1815 - 1848 Spätromantik: Als Vollendung literarischer Romantikbemühungen gilt das zweite Drittel des 19. Jahrhunderts. In Amerika tat sich ein junges Ausnahmetalent namens Edgar Allen Poe als literarische Größe hervor und beeinflusste mit seinen Erzählgedichten, Romanen und Essays auch deutsche Romantiker wie E.T.A. Hoffmann. Poe gilt als Urvater des modernen Schauerromans, welcher in der Romantik sein Debut feierte. Doch auch was Lyrik anbelangt, setzte der Poet neue Maßstäbe.


Sonett an die Wissenschaft (Edgar Allan Poe)

O Wissenschaft! Du Sproß der Greisin Zeit,
Vor dessen Späherblick nichts sicher ist!
Du Geier, fluglahm vor der Wirklichkeit,
Was spürst du nach dem Dichter so voll List?
Wie sollte er - wenn schon du weise bist -
Dich lieben, die ihm seine Wanderung,
Mit der er Sternengegenden durchmißt,
Mißgönnt und seinen adlergleichen Schwung?

Vertriebst du nicht die Götterliebespaare?
Aus Fluß und Hain die Nymphen und Najaden,
Daß sie sich flüchteten ins Unsichtbare?

Verscheuchtest du nicht von den Wiesenpfaden
Die Elfen - und von mir den Sommertraum
Des Mittags unterm Tamarindenbaum?


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Eine Auswahl bedeutender Werke & Vertreter der Romantik:


In die unbegrenzte Weite (1800 - 1806)
Karoline von Günderode

Gedichte und Phantasien (1804)
Karoline von Günderode

Die Günderode (1840)
Bettina von Arnim

Dieses Buch gehört dem König (1843)
Bettina von Arnim

Der gestiefelte Kater (1797)
Ludwig Tieck

Der blonde Eckbert / Der Runenberg (1797)
Ludwig Tieck

Glauben und Liebe (1798)
Novalis

Hymnen an die Nacht (1800)
Novalis

Heinrich von Ofterdingen (1802)
Novalis

Kinder- und Hausmärchen (1812)
Gebrüder Grimm

Irische Elfenmärchen (1826)
Gebrüder Grimm

Die Elixiere des Teufels (1815 - 1816)
E.T.A. Hoffmann

Meister Floh (1822)
E.T.A. Hoffmann

Gespräch über die Poesie (1800)
Friedrich Schlegel

Viel Lärmen um nichts (1833)
Joseph von Eichendorff

Die Entführung (1839)
Joseph von Eichendorff

Die Glücksritter (1841)
Joseph von Eichendorff