Literatur in Tateinheit mit Kunst: Realismus


Realismus (1848 - 1899)

Eisenwalzwerk (Adolph Menzel)

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Begriffserklärung: Als linguistische Grundlage für den Realismus dient der lateinische Begriff res für 'Sache' oder 'Wirklichkeit'. Die Realität der Dinge steht in dieser Epoche also klar im Vordergrund. Dies gilt insbesondere für die Darstellung der bürgerlichen Lebensrealität, sowie die realistische Betrachtung der eigenen Umwelt in Literatur und Kunst. Dabei wurde durch Autoren und Künstler häufig die 'soziale Frage' gestellt, d.h. man verwies bewusst auf die sozialen Missstände, die mit dem Beginn der industriellen Revolution, aber auch mit der monarchischen Unterdrückungspolitik einher gingen.

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soziale Ungerechtigkeit als historischer Hintergrund: Der Realismus ist als logische Konsequenz der Vormärzgedanken zu betrachten. Er nahm seinen Anfang mit der Deutschen Revolution (auch Märzrevolution genannt) im Jahre 1848. Diese wiederum ist ein verspäteter Ausläufer der Französischen Revolution, welche sich knapp 60 Jahre zuvor im Jahre 1789 ereignete. Ausgangspunkt beider Revolutionen waren die sozialdemokratischen Gedanken der Aufklärung. Sie zielten darauf ab, den bis dato unmündigen Bürger zu einem gebildeten Individuum zu erziehen, das dazu in der Lage war, die Welt wie auch seine eigene Geschichte objektiv zu beurteilen. Darüber hinaus sollte das Volk zu eigenständiger Meinungsbildung angeregt werden, die unabhängig war von Staat und Kirche. Eben jene Institutionen waren es letztendlich auch, die derartige Denkansätze unterdrückten. Unter dem Banner der Heiligen Allianz schlossen sich nach dem Sieg über Napoleon bereits beim Wiener Kongress  die wichtigsten Monarchen Europas zusammen und versuchten, den Unabhängigkeitsbewegungen ihrer Landesbevölkerungen durch entsprechende Gesetzesgrundlagen entgegen zu wirken. Besagte Unterdrückungspolitik fand unter anderem in den Karlsbader Beschlüssen von 1819.
(siehe Biedermeier und Vormärz)


Märzrevolution | Barrikadenkämpfe in Berlin

Dass die monarchische Unterdrückungsstrategie nicht zum gewünschten Ziel führen würde, war abzusehen. Viel zu denkwürdig schienen die Ereignisse rund um die Französische Revolution, sowie die literarischen Einflüsse zeitgenössischer Autoren , als dass das taktische Kalkül der Monarchen ein weiteres Mal aufging. Nicht zuletzt trug auch der im 18. Jahrhundert sehr publik gewordene Historismus - eine philosophisch-literarische Strömung, die sich mit Folgen und Ursachen historischer Ereignisse auseinander setzte - dazu bei, dass die Bürger aller Nationen allmählich damit begannen, ihre eigene Vergangenheit besser zu verstehen und daraus zu lernen.

Die wichtigste Lehre hierbei war wohl, dass die Monarchie ihre Untertanen geistig vorsätzlich klein hielt, um den eigenen Machteinfluss und Wohlstand zu erhalten. Kein Wunder also, dass sich die Forderungen nach bürgerlichem Grund- und politischem Mitbestimmungsrecht mehrten und in Deutschland schließlich zur Märzrevolution auswuchsen. Befeuert wurden die revolutionären Entwicklungen zudem durch das Krisenjahr 1847, in dem Missernten und hohe Arbeitslosenzahlen europaweit für Hungersnöte und Massenarmut sorgten. In diesem Zusammenhang wird die Märzrevolution auch häufig als Hungerrevolution bezeichnet.


Die Steinklopfer (Gustave Courbet)
Ein weiterer Umstand, der das Volk förmlich zum offenen Protest zwang, war die im 19. Jahrhundert einsetzende Industrialisierung. Bereits zu Zeiten der Aufklärung nahmen bahnbrechende Erfindungen auf dem Gebiet der Technik ihren Lauf und fanden nun erstmals flächendeckend Anwendung in der Produktionswirtschaft. Zwar ließen sich dank so ermmöglichter Massenprodukten zahlreiche Güter kostengünstiger Herstellen, gerade Handwerksberufe verloren dadurch aber ihren Stellenwert. Menschliche Arbeitskräfte wurden kurzerhand wegrationalisiert und durch Maschinen ersetzt, was nicht nur Armut und Arbeitslosigkeit begünstigte, sondern gleichzeitig auch den Wert bürgerlicher Arbeitsleistung schmälerte.



Bedeutung des Realismus für die Literatur

Der Realismus kann als Wegbereiter des Naturalismus betrachtet werden, denn beide Epochen beriefen sich literarisch wie künstlerisch auf die ungeschönte und wahrheitsgetreue Darstellung der Realität. Der Frührealismus im speziellen bediente sich dabei überwiegend positiven, mit Optimismus in die Zukunft blickenden Impulsen. Im Spätrealismus dominierte dann eher der Pessimismus, welcher sich im Naturalismus weiter fortsetzte. Ferner machten es sich die realistischen Literaten zur Aufgabe, besagte Realität zu untersuchen und in Kontext zum Verlauf der Menschheitsgeschichte zu setzen. Dies geschah vorzugsweise unter Verwendung ironischer, metaphorischer, subtiler und hyperbolischer Stilmittel. Beliebte literarische Formen des Realismus waren:

  • Dinggedicht
  • Dorfgeschichte
  • Novelle
  • Entwicklungsroman
  • Gesellschaftsroman
  • Historischer Roman

Das Drama büste im Realismus stark an Popularität ein, galt es doch als Literaturform, die sich im Gegensatz zu Lyrik und Epik nur bedingt zur Darstellung der Wirklichkeit eignete. Erklärende und historisch analysierende Sachverhalte ließen sich hier nicht ausführlich genug wiedergeben, weshalb sich in Deutschland mitunter nur Friedrich Hebbel als realistischer Dramatiker durchsetzen konnte. In Sachen Epik und Lyrik zählt Theodor Fontane zu den Mitbegründer des literarischen Realismus. Ihm gleich taten es Gustav Freytag, Theodor Storm, Wilhelm Raabe und Gottfried Keller.


Die Brück' am Tay (von Theodor Fontane)


"Wann treffen wir drei wieder zusamm'?"
"Um die siebente Stund', am Brückendamm."
"Am Mittelpfeiler."
"Ich lösch die Flamm'."
"Ich mit."
"Ich komme vom Norden her."
"Und ich vom Süden."
"Und ich vom Meer."

"Hei, das gibt ein Ringelreihn,
und die Brücke muß in den Grund hinein."
"Und der Zug, der in die Brücke tritt
um die siebente Stund'?"
"Ei, der muß mit."
"Muß mit."
"Tand, Tand
ist das Gebild von Menschenhand."

Auf der Norderseite, das Brückenhaus -
alle Fenster sehen nach Süden aus,
und die Brücknersleut', ohne Rast und Ruh
und in Bangen sehen nach Süden zu,
sehen und warten, ob nicht ein Licht
übers Wasser hin "ich komme" spricht,
"ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
ich, der Edinburger Zug."

Und der Brückner jetzt: "Ich seh einen Schein
am andern Ufer. Das muß er sein.
Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,
unser Johnie kommt und will seinen Baum,
und was noch am Baume von Lichtern ist,
zünd alles an wie zum heiligen Christ,
der will heuer zweimal mit uns sein, -
und in elf Minuten ist er herein."

Und es war der Zug. Am Süderturm
keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
und Johnie spricht: "Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
die bleiben Sieger in solchem Kampf,
und wie's auch rast und ringt und rennt,
wir kriegen es unter: das Element.

Und unser Stolz ist unsre Brück';
ich lache, denk ich an früher zurück,
an all den Jammer und all die Not
mit dem elend alten Schifferboot;
wie manche liebe Christfestnacht
hab ich im Fährhaus zugebracht
und sah unsrer Fenster lichten Schein
und zählte und konnte nicht drüben sein."

Auf der Norderseite, das Brückenhaus -
alle Fenster sehen nach Süden aus,
und die Brücknersleut' ohne Rast und Ruh
und in Bangen sehen nach Süden zu;
denn wütender wurde der Winde Spiel,
und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel,
erglüht es in niederschießender Pracht
überm Wasser unten... Und wieder ist Nacht.

"Wann treffen wir drei wieder zusamm'?"
"Um Mitternacht, am Bergeskamm."
"Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm."
"Ich komme."
"Ich mit."
"Ich nenn euch die Zahl."
"Und ich die Namen."
"Und ich die Qual."
"Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei."
"Tand, Tand
ist das Gebilde von Menschenhand"


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Eine Auswahl bedeutender Werke & Vertreter des Realismus:


Maria Magdalene (1844)
Friedrich Hebbel

Die Nibelungen (1861)
Friedrich Hebbel

Die Leute von Seldwyla (1856)
Gottfried Keller

Der Hungerpastor (1864)
Wilhelm Raabe

Soll und Haben (1855)
Gustav Freytag

Die Ahnen (1872)
Gustav Freytag

Der Schimmelreiter (1888)
Theodor Storm

Vor dem Sturm (1874)
Theodor Fontane

Irrungen, Wirrungen (1887)
Theodor Fontane

Effi Briest (1895)
Theodor Fontane

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