Literatur in Tateinheit mit Kunst: Expressionismus

Expressionismus (1905 - 1925)

Sternennacht (Vincent van Gogh)

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Begriffserklärung: Abgeleitet vom lateinischen Wort expressio für 'Ausdruck', beschreibt der Expressionismus eine Stilepoche, in der die Ausdruckskunst Malerei, Musik und Literatur bestimmten. Es galt, das Wesen der Dinge zu ergründen, anstatt selbes durch rein logische Analytik zu beschreiben. Im Zuge dieser Epoche enstand auch die sogenannte abstrakte Kunst als neues Stilmittel der Kunst und Musik.

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post-impressionistische Entwicklungen als historischer Hintergrund: Als Wegbereiter des Expressionismus gilt der Impressionismus. Letzterer griff zuvor den Konflikt zwischen Aufklärungs- und Romantikgedanken (Logik wider Gefühl) wieder auf und löste sich von den rein rationalistischen Betrachtungsweisen der Welt zugunsten individualistischer Ansichten. Diese zeigten sich unter anderem in einer neuen Art künstlerischer Darstellung, die weitestgehend auf die realitätsgetreue Abbildung von Objekten verzichtete und stattdessen versuchte, charakteristische Eigenschaften der abgebildeten Elemente festzuhalten.

Die großen blauen Pferde (Franz Marc)
So ging aus der expressionistischen die abstrakte Kunst hervor, als deren bekanntester Vertreter Wassily Kandinsky zu nennen ist. Weitere namhafte Maler des Expressionismus sind Franz MarcVincent van Gogh und Paul Cézannes. Gerade Kandinsky und Marc sind dabei für ihre Mitgliedschaft in diversen Künstlervereinigungen bekannt, deren Entstehung benfalls charakteristisch für die kreative Gruppendynamik hiesiger Malerei war. Zu den wohl bekanntesten Künstlergruppen gehören unter anderem die Brücke, die Neue Künstlervereinigung Müchen, sowie Marcs und Kandinskys Projektgruppe Der Blaue Reiter


Speziell in Deutschland stellte die Weimarer Republik, welche als erste basisdemokratische Regierungsform aus den Wirren des Ersten Weltkriegs hervorging, für Expressionisten eine klare Provokation dar. Zum einen stand der Begriff Weimar seit Goethe und Schiller für die Stilrichtung der Weimarer Klassik. Diese verurteilte jegliche Formen von Empfindungslyrik nach aufklärerischem Vorbild aufs schärfste und wertete gefühlsbetonte Weltgedanken gegebüber rein logischen Denkansätzen entschieden ab. Zum anderen wurde die Errungenschaft der ersten parlamentarischen Demokratie nach Auffassung expressionistischer Vertreter allzu überbewertet. Entscheidende soziale Fragen, die bereits im vorangegangenen 19. Jahrhundert aufkamen, blieben weiterhin ungeklärt und drohten dank zunehmender Industrialisierung, sowie der Verherrlichung geistigen Überlegenheitsdenkens als Maßstab für eine Idealgesellschaft, einen mehr als ungesunden Kurs einzuschlagen.

Das Jüngste Gericht / Komposition V (Wassily Kandinsky)

Mit Blick auf das Ende der Weimarer Republik 1933, durch die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, waren die Sorgen der Expressionisten durchaus berechtigt. Ihren Anfang nahmen entsprechende, nationalistische und von rassischem Überlegenheitsdenken geprägte Haltungen nämlich schon um die Jahrhundertwende dank einem Übermaß an 'geistlastigen' Schriften. Auch wenn deren Verfasser keineswegs als Befürworter nationalsozialistischen Gedankenguts anzusehen sind, so wollen wir doch einen kurzen Blick auf die in ihren Werken (unbewusst) motivierte Ideologie werfen:



Friedrich Nietzsche: Der Philologe, Dichter und Komponist Friedrich Wilhelm Nietzsche ist - völlig zu Recht - für seine bahnbrechenden Werke im Bereich philosophischer Konzeptionen bekannt. Allerdings, und diese Ansicht wird inzwischen von vielen Philosophiehistorikern geteilt, gereichten gerade seine Gedanken zur Thematik des 'Übermenschen' und des 'Willens zur Macht' den Nationalsozialisten als Basis für ihre Propagandaarbeit. Erkannt wurde diese Gefahr zu oberst von den deutschen Expressionisten. Sie sahen eine herbe Gefahr in der Vermischung derartiger Theoriekonstrukte mit der nationalistischen Grundstimmung im Lande, die durch den Druck der europäischen Siegermächte auf das im Ersten Weltkrieg unterlegene Deutschland nur noch weiter angefacht wurde.




Sigmund Freud: Sigmund Freuds psychoanalytische Arbeit, welche die Persönlichkeit des Menschen ebenfalls gern zum genormten Forschungsobjekt theoretischer Konstrukte machte, wird von modernen Psychologen und Pädagogen äußerst kritisch betrachtet. Grund hierfür ist die Tatsache, dass Individualität und Gefühlsleben des Menschen in Freuds Psychoanalyse häufig unbeachtet blieb. Ferner überging Freud bei seinen theoretischen Ansätzen meist routiniert den Wunsch seiner menschlichen 'Versuchskanninchen' nach Selbstverwirklichung, was moralische Fragen im Umgang mit seinen Patienten aufwirft. Trotz der Tatsache also, dass Sigmund Freud jüdischer Herkunft war, ging er bei seinen Analysen ähnlich unmenschlich vor, wie es später charakteristisch für die nationalsozialiste Haltung im Umgang mit jüdischen Bürgern und Andersdenkenden war. Die Expressionisten hatten es sich nun zur Aufgabe gemacht, eine derart unmoralische 'Enthumanisierung' anzuprangern.




Charles Darwin: In rechtsextremen Kreisen in aller Munde ist bis heute Charles Darwins Evolutionstheorie zur Entstehung der Arten. Unbestritten ein Meisterwerk der Naturwissenschaften, auf dem noch heute weite Teile der Biologiewissenschaft basieren. Allerdings lieferte Darwins Werk auch Grundlage für den aus fehlerhaften Interpretationen seiner Arbeit hervorgegangenen Sozialdarwinismus. Dieser war schon vor dem Ersten Weltkrieg äußerst populär und machte aus der menschlichen Gesellschaft eine durch Erbgut selektierte Hierarchie. Heute spricht man dem Sozialdarwinismus einen naturalistischen Fehlschluss zu, der die einzigartige Fähigkeit des Menschen im Tierreich, moralische und ethische Grundsätze zu entwickeln, gänzlich außer Acht lässt. Auch diese Überzeugung entspringt dem Expressionismus, welcher sich gänzlich von sozialdarwinistischen Gesellschaftskonstrukten distanzierte.



Bedeutung des Expressionismus für die Literatur

Der literarische Expressionismus grenzt sich durch seinen schriftlichen Bruch mit grammatikalischen Normen, den immensen Gebrauch bildhafter Gleichnisse und den emotional wie gedanklich stark von Tristess geprägten Ausdruck subjektiven Weltschmerzes deutlich von herkömmlichen Stilepochen ab. Auch die Neologisme (Wortneuschöpfung) erfreute sich im Expressionismus großer Beliebtheit und wurde gemeinsam mit Metapher und Farbsymbolik zum unverkennbarsten Stilmittel der Epoche. Gängige literarische Formen waren:

  • Metaphernlyrik
  • Großstadtlyrik
  • Kriegslyrik
  • Stationendrama
  • Verkündigungsdrama

Als federführende Größen expressionistischer Schreibkultur gelten vor allem Franz Kafka, Kurt Hiller, Jakob van Hoddis, Ernst Stadler und der junge Berthold Brecht. Brecht für seinen Teil wandte sich in späteren Jahren der Nachkriegsliteratur zu. Eines seiner berühmtesten Werke seiner expressionistischen Frühphase ist das Drama 'Trommeln in der Nacht'. Es handelt von dem Artillerist Andreas Kragler, der während dem Ersten Weltkrieg in Afrika zum Kriegsgefangenen wurde. Seine damalige Verlobte Anna Balickes glaubt ihn tot und verlobt sich während seiner Abwesenheit mit einem aus dem Krieg wohlbehalten Zurückgekehrten namens Murk. Als Kragler am Tage der Verlobung plötzlich wieder auftaucht, wird er von Anna, welche bereits Murks Kind erwartet, zunächst zurück gewiesen. Der Verschmähte sieht seine Zukunftsträume samt Liebe zerstört und sucht Zuflucht bei den Aufständischen des Spartakusbundes. 1) Als Anna sich im Laufe des Dramas aber doch noch für ihn entscheidet, schwört er den Aufständischen ab und verabschiedet sich von jenen mit den Worten: "Mein Fleisch soll im Rinnstein verwesen, dass eure Idee in den Himmel kommt? Seid ihr besoffen?"

1) Der Spartakusbund war eine zur damaligen Zeit weitverbreitete, linksgerichtete Bürgerbewegung, deren Mitbegründer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum Protest gegen die Militärwillkür der Weimarer Republik aufriefen und später von eben jenem Staatsmilitär brutal gefoltert und unter einem Vorwand hingerichtet wurden. Ihr Schicksal teilten viele, die sich am Spartakusafstand im Januar 1919 beteiligten oder auch nur als Zivilisten unbeteiligt in der Nähe befanden. Insgesamt wurden knapp 200 Bürger von den militärischen Freikorps auf offener Straße erschossen.


"Pazifismus ist: die Bewegung gegen Mord"

(Kurt Hiller)


1910 - 1914 Frühexpressionismus: Die früheste Phase des Expressionismus ist gekennzeichnet von widersprüchlichen Wertevorstellungen. Eine junge Generation an gebildeten Autoren aus dem Bürgertum, die zu Hause mit klassischen Wertevorstellungen erzogen wurde, traf auf eine Gesellschaft, die jene Werte alles andere als verkörperte. Industrialisierung und Verstädterung hatten für eine zunehmende Unpersönlichkeit innerhalb des Volkes gesorgt, die weder Rücksicht noch Verständnis für die moralischen Belange ihres literarischen Nachwuchses hegte. Zudem bestimmte eine regelrechte Reizüberflutung die Jungliteraten und mehrte in ihnen den Wunsch nach ruhigen, harmonischen Verhältnissen. Die Hauptmotive der frühexpressionistischen Literatur lagen demzufolge in Gefühlen des gesellschaftlichen Verlorenseins, der Ablehnung konservativ-bürgerlicher Ignoranz gegenüber sozialen Belangen, sowie der Kritik an einem System, das entscheidende Werte- und Moralvorstellungen kategorisch missachtete. Ausgedrückt wurde dieses Empfinden maßgeblich durch düster-melancholische bis depressiv-morbide Stimmungen in lyrischen Werken.


1914 - 1925 Hochexpressionismus: Mit Einsetzen des Ersten Weltkriegs intensivierten sich dich zuvor genannten Bestrebungen expressionistischer Literaten zunehmend. Der Krieg war das beste Argument für ihre Überzeugungen, denenzufolge das bestehende Gesellschaftsmodell keine zukunftsweisende Friedensoption darstellte. Immer häufiger wurde das Kriegsmotiv, insbesondere die tragischen Fronterfahrungen und damit verbundene familiäre Tragödien in lyrischer Form verarbeitet. Es lässt sich zudem erkennen, dass hochexpressionistische Literatur nicht länger nur auf emotionaler Verzweiflung beruhte, sondern zunehmend links-politische Züge annahm. Entsprechende Alternativmodelle einer neuen Gesellschaftsordnung wurden ebenfalls gerne thematisiert. Ferner ist zu erwähnen, dass in der zweiten Hälfte des Hochexpressionismus (nach Gründung der Weimarer Republik 1918) gezielt gegen den nationalistischen Kurs der Bevölkerung angeschrieben wurde.


"Ein Buch muss die Axt für das gefrorene Meer in uns sein."

(Franz Kafka)


1925 - 1937 Post-Expressionismus: Nach Ende des Ersten Weltkriegs und mit Entstehen der Weimarer Republik beklagte nicht nur das Bürgertum herbe menschliche Verluste. Auch das Autorentum des Expressionismus verlor im Krieg viele begnadete Literaten. Möglicherweise schwächte dies den Einfluss der linksgerichteten Stilepoche derart, dass es der nationalsozialistischen Gesinnung umso leichter fiel, verzweifelte wie unzufriedene Bürger durch Propaganda für sich zu gewinnen. So entstanden nach 1925 zwar noch vereinzelt expressionistische Werke, diese wurden jedoch mit der Machtergreifung Hitlers gezielt bekämpft.

Deutsches Literaturerbe in Flammen
(NS-Bücherverbrennung am 10. Mai 1933)

Einen besonders tragischen Moment markiert hier die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz. Hier wurden symbolisch zahlreiche Werke gesinnungsfeindlicher Autoren (darunter auch Karl Marx und Kurt Tucholsky) verbrannt, zu denen neben sozialistischen auch jüdische und expressionistische Schriftsteller zählten. Etwa ab 1937 wuchs sich diese literaturfeindliche Gesinnung zu einer erbarmungslosen Verfolgung entsprechender Künstler aus. Jene, denen es nicht gelang, aus eigener Kraft aus Deutschland ins Exil zu fliehen, wurden entweder öffentlich hingerichtet oder gemeinsam mit jüdischen Bürgern in Konzentrationslager deportiert.








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Eine Auswahl bedeutender Werke und Vertreter des Expressionismus: 


Die Verwandlung (1915)
Franz Kafka

Ein Landarzt (1920)
Franz Kafka

Ein Hungerkünstler (1924)
Franz Kafka

Die Ermordung einer Butterblume (1910)
Alfred Döblin

Der Aufbruch zum Paradies (1922)
Kurt Hiller

§ 175: Die Schmach des Jahrhunderts! (1922)
Kurt Hiller

Weltende (1918)
Jakob van Hoddis

Menschheitsdämmerung, Symphonie jüngster Dichtung (1920)
Kurt Pinthus

Masse Mensch (1920)
Ernst Toller

Die Maschinenstürmer (1922)
Ernst Toller

Der Aufbruch (1914)
Ernst Stadler

Baal (1919)
Berthold Brecht

Trommeln in der Nacht (1922)
Berthold Brecht





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