Literatur in Tateinheit mit Kunst: Biedermeier und Vormärz


Biedermeier und Vormärz (1815 - 1848)

 
Der verbotene Weg (Carl Spitzweg)

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Begriffserklärung: Das Adjektiv 'bieder' ist dem althochdeutschen Begriff biderbi entlehnt und lässt sich mit 'altbacken', 'einfältig' oder 'rechtschaffen' übersetzen. Folgerichtig ist die Biedermeierzeit eine Epoche, in der sich (durch Unterstützung der damaligen Fürstenregierung) vermehrt auf konservative Vorstellungen der bürgerlichen Rechtschaffenheit konzentriert wurde. Dies bedeutete unter anderem einen Rückzug ins Häusliche und Private, sowie die Motivation althergebrachter Rollenbilder.

Die zeitgleich stattfindende Gegenströmung bildet der Vormärz. Er bezeichnet eine vorwiegend literarische, durch Studenten wie deren Professoren motivierte Entwicklung, die sich gegen das staatliche Biedermeierdiktat richtete. Vormärz wird diese Bewegung deshalb genannt, weil sie 1848 zur Märzrevolution, sowie zum Ende der Biedermeierzeit gleichermaßen beitrug.

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bürgerliche Emanzipationsversuche als historischer Hintergrund: Mit dem Wiener Kongress 1815 nahm ein klarer Interessenkonflikt zwischen politischer Obrigkeit und dem sogenannten 'Jungen Deutschland', bestehend aus Studenten und deren Professoren seinen Lauf. Die fürstliche Regierung strebte eine nach ihren Wünschen gestaltete Neuordnung der deutschen Gesellschaft an und versuchte trotz oder gerade wegen den revolutionären Entgleisungen der Aufklärungsgedanken (man bedenke die Nachwehen der Französischen Revolution), an der alten Gesellschaftsordnung festzuhalten. Das Junge Deutschland hingegen, wenngleich durch die gescheiterten Revolutionsversuche herbe zurückgeworfen, verfolgte weiter das Ziel einer gesellschaftlichen Alternative und berief sich auf die Ziele der Aufklärungszeit. Somit stand ihr Wunsch einer wahrhaftigen Neuordnung wider den Restaurationsgedanken der Regierung.

Oftmals werden Biedermeier und Vormärz als zwei unterschiedliche Steigerungsformen romantischen Gedankenguts betrachtet. Sicher gibt es zwischen den drei Epochen zeitliche Überschneidungen, die einem gemeinsamen historischen Hintergrund entspringen. Jedoch wird bei der Gleichsetzung der Strömungen gerne vergessen, dass Biedermeier wie Vormärz in höchstem Maße politisch motiviert waren. Allenfalls kann der Biedermeierzeit ein Missbrauch des Romantikgedankens vorgeworfen werden. Der Vormärz hingegen versuchte, am Bestreben der Aufklärung festzuhalten und lehnte die Vorstellungen der Romantik, ebenso wie der Klassik grundsätzlich ab. In den Augen der Vormärzbewegung waren die Stürmer und Dränger, welche später die Klassik begründeten, in ihrer Lossagung vom aufklärerischen Ansatz einem Trugschluss gefolgt. Auch deren Umsetzung der demokratischen Freiheitsrechte schlug fehl, musste also erneut aufgegriffen und nachträglich zum Erfolg geführt werden. Die Romantiker wiederum hingen mit ihren Phantastereien vom paradiesischen Idyll einer nicht zu verwirklichenden Illusion nach, welche der gesellschaftlichen Neugestaltung nach Auffassung des Jungen Deutschlands in keinster Weise nützte. Einzig im belehrenden Emanzipationsversuch der Aufklärungsliteratur sahen die Akademiker zukunftsweisende Motive zur Erneuerung der Gesellschaft. Diese Sichtweise wurde zumindest von den damaligen Professoren an ihre Studenten übermittelt, wodurch der Vormärz einen offenen Disput zwischen deutschen Fürsten und akademischen Fakultäten markierte.



"Dir, junges Deutschland, widme ich diese Reden, nicht dem alten."
 
(Christian Ludolf 'Freimund' Wienbarg)


Um die Situation zu Zeiten des Biedermeier und Vormärzes besser nachvollziehen zu können, ist es wichtig, die Vorgeschichte zu verstehen. Diese begann mit der Ermordung des Schriftstellers und Verlegers August von Kotzebue. Eine der von ihm veröffentlichten Zeitschriften trug den Namen 'Der Freymüthige oder Berlinische Zeitung für gebildete, unbefangene Leser' und übte harsche Kritik an romantischen und klassischen Literaten. Darüber hinaus galt er als entschiedener Gegner nationalistischer Burschenschaften. Diese hatten im Gegenzug seine Schriften gemeinsam mit den Büchern überwiegend jüdischer Autoren beim Wartburgfest 1817 verbrannt. Unter den Teilnehmern des dubiosen 'Nationalfestes' befand sich auch ein junger, aus Coburg stammender Student namens Karl Ludwig Sand. Er galt als christlich-verbohrter Jungnationalist mit begrenzter Auffassungsgabe und rechthaberischem Geiste, der neben seiner eigenen Meinung kaum anderes akzeptierte. Diesen Charakterzügen mag es auch zu verdanken gewesen sein, dass der Jenaer Burschenschafter und Theologiestudent schließlich ein Attentat auf sein persönliches Feindbild Kotzebue plante. Er verfolgte den Schriftsteller bis zu dessen Wohnhaus in Mannheim, in welches sich Sand am 23. März 1819 unter falschem Namen Einlass verschaffte. Mit den Worten "Hier, du Verräter des Vaterlandes!" Ermordete er August von Kotzebue vor den Augen seines vierjährigen Sohnes. Karl Ludwig Sand wurde später zum Tode verurteilt. 

Ein nationalistischer Flächenbrand nimmt seinen Lauf... | Illustration der Bücherverbrennung zum Wartburgfest 1817

Die Tragödie steht stellvertretend für einen ideologischen Konflikt, der seinerzeit unter Anhängern liberaler und nationalistischer Studentenbewegungen herrschte. Sicher hatten die individuellen Weltanschauungen hiesiger Dozenten zur Bildung der beiden Studentenlager beigetragen. Es ist allerdings unbestritten, dass die nach wie vor bestehende Herrschaftsform der konservativen Monarchie derartige Gesinnungsunruhen geradezu heraufbeschwor. Demzufolge war der Obrigkeit stark daran Gelegen, Liberalismus und Nationalismus gleichermaßen zu unterdrücken. Um dem aufrührerischen Gedankengut, das an den Universitäten gepredigt wurde also Einhalt zu gebieten, bediente sich die fürstliche Regierung eines Tricks. Sie machten den romantischen Gedanken zu einem Werkzeug ihrer eigenen, politischen Ziele. Vor allem was den Rückzug in private Scheinwelten anbelangte, nutzte die Staatsregierung die Gunst der Stunde und hielt das Volk dazu an, sich weniger um politische, denn um häuslich-familiäre Angelegenheiten zu kümmern. Als Grundlage hierfür sind die Karlsbader Beschlüsse von 1819 zu nennen, welche auf eifriges Bestreben des österreichischen Außenministers, Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich umgesetzt wurden. Diese schränkten nicht nur die bürgerliche Teilhabe an politischen Entscheidungen ein. Darüber hinaus erlaubte die Gesetzesnovelle eine umfangreiche Pressezensur und das Aussprechen von Berufsverboten gegen sogenannte Demagogen.


Der Denker-Club (Anonymus)
Der Begriff galt von der Antike bis ins frühe 19. Jahrhundert sämtlichen renommierten Rednern und philosophischen Führern eines Volkes. Dank der Karlsbader Beschlüsse aber kehrte sich die Bedeutung des Demagogen ins Negative und bezeichnete fortan liberale wie national gesinnte Professoren, die ihren Studenten 'staatsuntaugliche' Ideale vermittelten. Eine landesweite Überwachung des Universitätslebens setzte ein, die mitunter durch Spitzel umgesetzt wurde. Zahlreiche Professoren verloren so ihre Anstellung, sodass sie ihre Sichtweise nur noch in geheimen Versammlungen austauschen konnten.


Ebenfalls stark beschnitten wurden ab 1819 die Rechte der Frau. In der romantischen Literatur erstmals als Bereicherung gefeiert, knüpfte das patriarchale Biedermeierkonzept den weiblichen Aufgabenbereich erneut streng an häusliche Pflichten wie Küchenarbeit, Kinderpflege und den Erhalt familiärer Traditionen. Sogar in Sachen Kleidung machte die Biedermeier-Mode klare Vorgaben und setzte ihre antiquierte Vorstellung von der sittlichen Hausfrau mit eng geschnürten Korsetts, Blümchenmustern, Schleifchen, Rüschen, Tüll, Hammerkeulenärmeln, sowie ausladenden Reifröcken und Hüten um. Die Frau sollte demzufolge Wert darauf legen, eine Zierde an der Seite des Mannes zu sein, anstatt emanzipatorischer Selbstverwirklichung nachzugehen. Unterstützt wurde dieses Frauenbild durch entsprechende Anreize aus dem Kunstbereich, wobei die Maler sich nicht immer ganz freiwillig zur Abbildung derartiger Szenerien hinreissen ließen. Vielmehr spielte auch hier die Zensur von Kunst und Literatur eine Rolle, die es kreativen Köpfen weitestgehend untersagte, von der Karlsbader Linie abzuweichen.

Sonntagsspaziergang (Carl Spitzweg)




Bedeutung von Biedermeier und Vormärz für die Literatur

Die Pressezensur der Karlsbader Beschlüsse hatte eine Reihe literarischer Konsequenzen. So war ab 1819 jegliche Kritik an Regierung und Adel in Texten unter 20 Bogen verboten. Unter diese Bogennorm fielen nicht nur Zeitschriften und Tagblätter, sondern auch die meisten Bücher. Die Literaturlandschaft spaltete sich deshalb in zwei verschiedene Sparten auf: Jene, die nach Biedermeiermanier den gesetzlichen Bestimmungen folgten und jene, die trotz strenger Auflagen versuchten, ihrer aufklärerischen Linie treu zu bleiben. Beliebte Formen der beiden literarischen Schulen waren:


Biedermeier: Vormärz und Junges Deutschland:

- Balladen und Verserzählungen
- Kurzgeschichten und Novellen
- Studien und Skizzen
- Dramen (v.a. Lustspiele und Zauberstücke)
- Volksliedgedichte (v.a. über Liebeskummer)
- satirisch-witzige Reiseberichte und Briefe
- Geheimschriften und geheime Flugblätter
- Dramen (v.a. Sozial- und Geschichtsdramen)


Das Lesekabinett (Johann Peter Hasenclever)
Als wohl bekanntester Vertreter des Jungen Deutschlands gilt bis heute der deutsche Schriftsteller und Journalist Heinrich Heine. Seine humorvollen Reisebilder, aber auch seine lyrischen Werke gelten als Sinnbild liberaler Vormärzliteratur. Gleichzeitig wird Heine nachgesangt Vormärz und Romantik auf eine einzigartige Weise in Einklang gebracht zu haben, weshalb wer irritierender Weise häufig als 'letzter Dichter der Romantik' bezeichnet wird. Ferner zählen Georg Büchner, Christian Grabbe, Karl Gutzkow und Heinrich Laube zu den wichtigsten Vertretern der Vormärzliteratur. Die sozialkritischen Schriften von Carl Marx und Friedrich Engels sind literarisch ebenfalls nicht außer Acht zu lassen.




Die Literaten der Biedermeierzeit sind gemeinhin weniger bekannt, berufen sich aber auf durchaus berühmte Vorbilder. In Sachen Zauberstück dürfte zum Beispiel 'Die Zauberflöte' von Emanuel Schikaneder jedem ein Begriff sein. Das Zauberstück wurde von Wolfgang Amadeus Mozart zu einer Oper vertont und 1791 in Wien uraufgeführt. Ein biedermeier'scher Nachfolger ist hier beispielsweise die Zauberposse 'Der böse Geist Lumpacivagabundus' von Johann Nestroy oder das Zauberspiel 'Die gefesselte Phantasie' von Ferdinand Raimund. Dabei fällt auf, dass diverse Vertreter der Biedermeierliteratur, ähnlich wie der Begründer der Karlsbader Beschlüsse Fürst Metternich aus Österreich stammten.


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Eine Auswahl bedeutender Werke und Vertreter des Biedermeier und Vormärz:



Biedermeier:Vormärz und Junges Deutschland:

Die Ahnfrau (1817)
Franz Grillparzer

Der Traum ein Leben (1834)
Franz Grillparzer

Der böse Geist Lumpacivagabundus (1835)
Johann Nestroy

Die gefesselte Phantasie (1947)
Ferdinand Raimund

Die Judenbuche (1842)
Annette Droste-Hülshoff

Maler Nolten (1832)
Eduard Mörike

Der Hochwald (1841)
Adalbert Stifter

Die schwarze Spinne (1842)
Jeremias Gotthelf
Reisebilder (1826 - 1830)
Heinrich Heine

Buch der Lieder (1827)
Heinrich Heine

Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)
Heinrich Heine

Unpolitische Lieder (1840 - 1841)
August von Fallersleben

Napoleon oder Die hundert Tage (1831)
Georg Büchner

Woyzeck (1836)
Georg Büchner

Don Juan und Faust (1829)
Christian Dietrich Grabbe

Der Hessische Landbote (1834)
Christian Dietrich Grabbe








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