Schreibbüro zum blauen Federkiel

Literatur in Tateinheit mit Kunst: Sturm und Drang



Epoche des Sturm und Drang (1767 - 1795)

Der Wanderer über dem Nebelmeer (Caspar Friedrich Wolff)


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Begriffserklärung: Die Sturm-und-Drang-Zeit verdankt ihren Namen dem gleichnamigen Drama aus dem Jahre 1776 von Friedrich Maximilian Klinger. Die darin beschriebene Unzufriedenheit und Orientierungslosigkeit eines jungen Abenteurertrios mit Namen La Feu (Flamme), Blasius (Gleichgültigkeit) und Wild (Ungezähmtheit) ist kennzeichnend für die geistige Strömung des Sturm und Drang, welche vor allem von rebellischen Jungdichtern mit starkem Freiheitsdrang getragen wurde. Kerninhalt der Epoche war gesellschaftlicher Protest in Malerei und Kunst.

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Geniekult und Rebellion als historischer Hintergrund: Immer wieder wird die Jugendbewegung des Sturm und Drang als Spätphase der deutschen Aufklärung bezeichnet. Ganz gerecht wird diese unterordnende Definition dieser sogenannten Geniezeit aber nicht. Die im Durchschnitt 20 bis 30 Jahre alten Stürmer und Dränger - darunter auch namhafte Größen der Weimarer Klassik wie Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried von Herder und Friedrich von Schiller - verstanden sich nämlich weniger als Teil der für ihre Begriffe noch viel zu konservativen Aufklärungszeit. Vielmehr sahen sich die jungen Genialisten als ein revolutionäres Novum, das nach Einheit zwischen verstandbasiertem Aufklärungsgedanken und völlig neuartiger Gefühlsbetonung trachtete. Das größte Hindernis dieses Wunsches nach Harmonie von Kopf und Herz stellten dabei freilich die gängigen Gesellschaftsnormen.





"Die Stimme des Herzens ist ausschlaggebend für die vernünftige Entscheidung."

(Johann Gottfried von Herder)




Friedrich Maximilian Klinger gelang es, die innere Zerrissenheit der stürmenden wie drängenden Jugendkultur in seiner 1776 verfassten Komödie mit dem geplanten Titel 'Wirrwar' eindrucksvoll festzuhalten. Auf Anraten des berühmten 'Genieapostels' und schweizer Philosophen Christoph Kaufmann, der das revolutionäre Potential des jungen Poeten wohl schon sehr früh erkannte, veröffentlichte Klinger sein Drama schließlich aber unter dem Namen 'Sturm und Drang'. Ein Meilenstein, der in den Folgejahren zur Festigung der gleichnamigen Epoche beitrug. Diese war nicht nur durch emotionales Freigeistertum, sondern auch durch einen äußerst ausgeprägten Idealismus gekennzeichnet. Ferner übten die jungen Genialisten und Idealisten wesentlich entschiedenere Kritik an konservativen Autoritäten, als es die Vertreter der Aufklärung zuvor versucht hatten. Mehr noch, richtete sich die kritische Haltung der Stürmer und Dränger nicht selten sogar gegen den autoritär-erzieherischen Grundtenor in der aufklärerischen Literatur.
Die Freiheit führt das Volk (Eugène Delacroix)

Insbesondere gegen Ende der Sturm-und-Drang-Zeit sind auch die Impulsgedanken der Französischen Revolution nicht zu ignorieren. Sie zog ihre Kreise weit über Frankreichs Grenzen hinaus und gab dem jugendlichen Idealismus deutscher Literaturgenies durch die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 neuen Aufwind. Deren Streben nach Freiheit und Autonimie wurde durch die Entwicklungen im Nachbarland enorm motiviert. Philosophisch betrachtet dürfte der revolutionäre Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 auf die Genialisten wie die Erfüllung eines rebellischen Ideals gewirkt haben.





Bedeutung des Sturm und Drang für die Literatur

Markenzeichen der Stürmer und Dränger war ein literarischer Protest, sowie das neu entstandene Genre der Kunst- und Literaturkritik. Dabei wurden insbesondere Gefühle jedweder Art in einer bis dahin unbekannten Intensität und Empfindsamkeit wiedergegeben. Sowohl zeitgenössische Frustration, als auch Gesellschaftskritik und revolutionäre Zukunftsgedanken erfuhren einen erstmaligen Ausdruck, der für damalige Verhältnisse beinahe schockierend ungezügelt war. Neben diesem aufrührerischen Schreibstil erfreute sich jedoch auch die emotionale Naturverbundenheit in schriftlichen Werken großer Beliebtheit. So wurde neben gesellschaftlichen Tabus ebenso mit eintönigen, nüchternen Betrachtungsweisen der Umwelt gebrochen.

Gesellschaftsdrama: Die Literaten des Sturm und Drang empfanden sich als Erben des visionären Dramathurgen William Shakespeare. Folglich genoss das Drama in dieser Epoche einen hohen Stellenwert, wobei das Kernthema vieler Stücke die Selbstdestruktivität des Helden als letzte Option zur Identitätserhaltung behandelte. Durch Selbstgeisselung, Mord oder gar Suizid ersuchten zahlreiche Hauptfiguren, dem gesellschaftlichen Diktat zu entkommen, welches ihre Persönlichkeit in Ketten legte.

Empfindungslyrik: In Sachen Romane und Gedichte stellten emotionsgeladene Briefromane und Empfindungslyrik eine fast schon aufmüpfige Antwort auf die belehrenden Werke der Aufklärung. Mit derben Kraftausdrücken, patzigen Ausrufen, eindringlichen Fragestellungen und elliptischen Formulierungen brachen die Genialisten bewusst mit den üblichen Literaturformen. Damit hielten sie den Aufklärern anschaulich vor Augen, dass deren gepredigte Denkerziehung nicht zu gewünschten, sondern unerwarteten Emanzipationsbestrebungen führte. Eine Tatsache, deretwegen man die Sturm-und-Drang-Zeit später als 'Pubertät der deutschen Literatur' definierte. Und selbst in die moderne Pädagogik fand der Begriff 'Sturm und Drang' später Einlass, wo er bis heute eine besondere Phase pubertärer Entwicklung bezeichnet, in der Jugendliche äußert widerspenstig und rebellisch gegen die Erziehungsversuche des Elternhauses aufbegehren.


Prometheus (von Johann Wolfgang von Goethe)


Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmer’s
Unter der Sonn‘ als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wusst‘, wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Aug‘
Zur Sonne, als wenn drüber wär‘
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du’s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängstigten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen -
Blütenträume reiften?

Hier sitz‘ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!


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Eine Auswahl bedeutender Werke & Vertreter des Sturm und Drang:


Sturm und Drang (1776)
Friedrich Maximilian Klinger

Die Zwillinge (1776)
Friedrich Maximilian Klinger

Gedichte eines Skladen (1766)
Heinrich Wilhelm von Gerstenberg

Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung (1774)
Jakob Michael Reinhold Lenz

Die Soldaten (1776)
Jakob Michael Reinhold Lenz

Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1770)
Johann Gottfried Herder

Stimmen der Völker in Liedern: Volkslieder (1778)
Johann Gottfried Herder

Die Räuber (1781)
Friedrich von Schiller

Kabale und Liebe (1784)
Friedrich von Schiller

Die Leiden des jungen Werthers (1774)
Johann Wolfgang von Goethe

Willkommen und Abschied (1771)
Johann Wolfgang von Goethe