Literatur in Tateinheit mit Kust: Klassik


Klassik (1786 - 1832)

Prinzessinengruppe (Johann Gottfried Schadow)

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Begriffserklärung: Das lateinische Wort classicus war seinerzeit eine Bezeichnung für Mitglieder der höchsten Steuerklasse. Zu Zeiten der Klassik galt der Begriff hingegen eher einer Rückkehr zur alten Schule der Antike in Literatur und Kunst. In deutschland erfolgte diese Rückbesinnung auf die Antike in Form der Weimarer Klassik. Ironischer Weise wurde sie von einstigen Vertretern des Sturm und Drang motiviert, welche in ihren jungen Schaffensperioden jegliche althergebrachte Philosophie kategorisch ablehnten.

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Reifeprozess der Stürmer und Dränger als historischer Hintergrund: Wenngleich die Epoche der Klassik relativ kurz war, so ist sie doch essenziell, um einen wichtigen Wendepunkt in der Kunst- und Literaturgeschichte nachvollziehen zu können. Tatsächlich verbirgt sich hinter den wichtigsten deutschen Vertretern der Klassik nämlich niemand geringeres als jene Genialisten, die zuvor den Sturm und Drang eingeläutet hatten. Zunächst als kategorische Ablehner jedweder altbackener Vorgaben gefeiert, trat mit dem Älterwerden Goethes, Schillers und Herders eine moderatere Haltung zu den Ursprüngen ihres literarischen Erbes ein. In ihrem Hauptwirkungskreis Weimar gesellte sich schließlich noch der einstige Aufklärer Christoph Martin Wieland zu dem Trio. Es fand eine Aussöhnung zwischen Aufklärungs- und Sturm-und-Drang-Gedanken statt, die dem Literatenquartett den Namen 'Viergestirn von Weimar' einbrachte.




 "Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten."

(Johann Joachim Winckelmann)


Grund für den plötzlichen Sinneswandel der Aufklärer, Stürmer und Dränger war die gemeinsame Erkenntnis, dass ihre hochgesteckten Ziele zur literarischen wie gesellschaftlichen Emanzipation kläglich gescheitert waren. Diese Desillusionierung nahm ihren Anfang mit den tragischen Konsequenzen der Französischen Revolution. Zuvor von Literaten mit idealistischen Weltverbesserer-Gedanken förmlich herbeigesehnt, schien der Ausgang der Revolution alles andere als berauschend für die ambitionierten Jungphilosophen. Sie hatten auf eine Erneuerung der Gesellschaft mittels Umsetzung der sozialdemokratischen Ideale Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gehofft. Stattdessen folgte auf die bürgerliche Revolution eine neue, schrecken verbreitende Herrschafft durch die sogenanten Jakobiner. Jeder, der nicht mit den Überzeugungen dieser linkspolitischen Gruppierung übereinstimmte, wurde in Frankreich umgehend geköpft. Massenhinrichtungen von Adligen, auch wenn sie nur von moderat-monarchischer Gesinnung waren, gaben die düstere Schattenseite einer sich zunehmend radikalisierenden Bewegung wieder, die eigentlich aus sehr noblen Gedanken der bürgerlichen Entfaltungsfreiheit geboren wurde.


Horrible Histories: The French Revolution Report



Auf das Ende dieser Terrorherrschaft folgte ebenfalls nichts Gutes, denn der Militärgeneral Napoleon Bonaparte putschte sich nach den Querelen der jakobinischen Terrorherrschaft an die Macht, ließ sich zum Kaiser der Franzosen küren und bereitete (nicht nur in Frankreich) dem demokratischen Traum als Militärdiktator ein jähes Ende. Somit blieb die ernüchternde Erkenntnis, dass weder Monarchie, noch gewaltsame Rebellion gegen eben diese Herrschaftsform zum gewünschten Ziel führten. Das Motto der Klassik lautete folglich:

  • intensive Auseinandersetzung mit Verlauf und Ausgang der Französischen Revolution
  • Förderung natürlicher Weiterentwicklung der Gesellschaft anstelle gewaltsamer Veränderung
  • Emanzipation des Volkes durch humanitäre Impulse aus Kunst und Literatur
  • Formung der 'schönen Seele' durch ästetische Erziehung
  • Fokus auf zeitlose, ethische Werte
  • gesellschaftliche Harmonie, Grundmoral und Menschlichkeit


Goethe in Italien (Johann Heinrich Wilhelm Tischbein)
Das Ergebnis dieser schmerzvollen Lehre war der Versuch eines Neuanfangs, der in Malerei, Architektur und Literatur  eine Rückbesinnung auf die früheste Formen ihrer Zunft bedeutete. Diese lagen im Erbe der römisch-griechischen Antike begründet und sorgten für ein Wiederaufleben des Säulentempelbaus, der Skulpturbildhauerei und klassischer, antiker Literaturformen. Daneben wurde ein Erhalt der revolutionären Ideale Humanität, Toleranz, Sittlichkeit und Harmonie angestrebt. Sie sollten zu einer ästhetischen Erziehung des Menschen beitragen. Maßgeblich motiviert wurde dieser klassische Kurs durch Johann Wolfgang von Goethe, der während seinem Italienaufenthalt im Jahre 1786 neue Inspiration aus antiken Vorbildern schöpfte.


Nach seiner Rückkehr teilte er seine Ideen vor allem mit Friedrich von Schiller, weshalb die Werke der beiden Poeten noch heute als Sinnbild der deutschen Klassik gelten.







Bedeutung der Klassik für die Literatur

Während sich in der bildenden Kunst der wiederbelebte Skulpturen- und Säulenkult in Form des Klassizismus großer Beliebtheit erfreute, legte die klassische Literatur den Fokus auf die Wiedereinführung traditioneller Dramatik und Romankultur. Ein anspruchsvolles Sprachniveau sollte dabei die bisweilen derbe Ausdrucksweise des Sturm und Drang überwinden. Gängige Dramen- und Romanformen waren:

  • Bildungsroman
  • Ideendrama
  • Charakterdram

Im Bereich der Lyrik trieben Schiller und Goethe vor allem die Entstehung neuer Balladen voran. 1797 gilt diesbezüglich als sogenanntes Balladenjahr, in welchem die beiden Literaten die Lyrikform für ein 'ästhetisches Experiment' nutzten. Hier entstanden unter anderem die berühmten Balladen 'Der Zauberlehrling' und 'Der Taucher'. Ergänzend zur gezielten Balladenproduktion zählten folgende Lyrikformen zum üblichen Repertoire der Klassik:

  • Distichone
  • Hymnen
  • Oden
  • Sonette
  • Stanze



Der Zauberlehrling (von Johann Wolfgang von Goethe)

Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.

Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!

Walle! walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! -
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
kann ichs lassen;
will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!

Willst am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.

Seht da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

"In die Ecke,
Besen, Besen!
Seids gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur zu diesem Zwecke,
erst hervor der alte Meister."


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Eine Auswahl bedeutender Werke & Vertreter der Klassik:


Geheime Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus (1791)
Christoph Martin Wieland

Aristipp und einige seiner Zeitgenossen (1800 - 1802)
Christoph Martin Wieland

Die Götter Griechenlands (1788)
Friedrich von Schiller

Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795)
Friedrich von Schiller

Wilhelm Tell (1800)
Friedrich von Schiller

Faust I (1806)
Johann Wolfgang von Goethe

Faust II (1831)
Johann Wolfgang von Goethe

Reineke Fuchs (1794)
Johann Wolfgang von Goethe

Briefe zur Beförderung der Humanität (1793 - 1797)
Johann Gottfried von Herder

Kalligone (1800)
Johann Gottfried von Herder





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